Kurzgeschichten
 


Früher war alles anders   Die Inseln der Geldgeier   Der letzte Bergmann
         
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Der Traum vom Himmel.

Ein wunderschönes, von blühenden Rosen umgebenes Tor schwebt zwischen weißen Wolken, irgendwo in einem unbekannten Universum, in einer anderen Dimension. Es müssen mehr als tausend Menschen sein die sich davor drängen und sich fragen, wie schnell ihr Leben vergangen und ob ihre Taten, in diesem Leben, überhaupt einen Sinn hatten. Was hat man alles getan um ein paar Jahre in Saus und Braus zu leben? Aber auch jetzt, nach ihrem Sterben, sind einige noch nicht schlauer geworden. Sie stehen vor dem gigantischen Tor und warten ungeduldig auf Einlass. Sie haben alle nur weiße Gewänder an. Man kann keine Klassenunterschiede erkennen. Das gefällt einigen Gestorbenen gar nicht, und so fangen sie an, ihren Mitmenschen zu erzählen wer sie waren, was sie hatten und was sie jetzt erwarten.

Entschlossen geht ein Mann zum Tor und klopft mit seiner Faust drei mal dagegen: "Hallo, ist da jemand?", hört man ihn rufen. "Ich bin Jack Hardman, Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika."

"Ha", ruft ein anderer amüsiert dazwischen, "wir haben unseren eigenen Außenminister vorm Himmelstor."

Von weit hinten bahnt sich ein anderer Mann den Weg zum Tor. "Lasst mich doch bitte mal durch, Ha, Ha, Ha. Ich bin Kardinal Brühman, Ha, Ha, Ha", ruft er immer wieder mit einem gezwungenen Lachen.

"Macht doch mal Platz für seine Eminenz den Kardinal", ruft ein anderer Mann.

"Herr Kardinal, was geschieht jetzt mit uns?", ruft eine Frau aufgeregt.

Sofort versammelt sich eine Menschenmenge um den Kirchenmann um ihn mit Fragen zu überhäufen, die auch er nicht beantworten kann.

Der Kardinal stiehlt dem Minister die Show. Aber nicht nur der Minister möchte die erste Geige spielen. Auch andere versuchen sich mit großen Worten und Reden wichtig zu machen. Das Durcheinander ist gewaltig. Es ist wie im Leben; jeder möchte Häuptling sein und niemand Indianer. Es fallen aber auch viele auf die Knie nieder, und fangen ehrfurchtsvoll an zu beten. Es sind jedoch alles Menschen die glauben, dass es ein mächtiges Wesen gibt dem man imponieren muss um weiterzukommen; sie haben nie etwas anderes gelernt. Sie knien vor dem Himmelstor und imponieren um die Wette. Nur wenige beten wirklich, und von ganzem Herzen.

Einige Menschen laufen umher und berichten von ihren guten Taten die sie zu Lebzeiten begangen haben. Sie erzählen wie viel sie schon gespendet haben, wie viel Kirchensteuer sie bezahlt haben und, dass sie im Kirchenchor gesungen haben. Sie benehmen sich so wie sie sich immer benommen haben; niemand denkt nach. Das Durcheinander ist schlagartig beendet als die Tür aufgeht, und ein Mann mit einem langen weißen Bart erscheint.

"Das muss Petrus sein", ruft eine Frau begeistert.

Doch der antwortet: "Nennt mich wie ihr wollt! Ich habe viele Namen. Ich bin der, der geschlagen wurde. Ich bin der, der getreten wurde. Ich bin der, der getötet wurde. Ich bin der, der verehrt wurde. Ich bin der, dem viele Menschen folgten. Von mir aus nennt mich Petrus."

"Endlich", meint der Kardinal. "Ich habe schon einige ausgesucht die in den Himmel dürfen", erklärt er und geht ein paar Schritte auf Petrus zu. Der jedoch beachtet ihn gar nicht und kommt gleich zur Sache:

"Hinter dieser Tür herrscht Friedfertigkeit. Wer den Frieden so akzeptiert wie er ist, und danach leben möchte, der erhebe die Hand."

Natürlich melden sich die Gestorbenen alle mit voller Begeisterung und erwarten nun in den Himmel eingelassen zu werden.

"Natürlich wollen wir alle in Frieden leben", meint der Außenminister, und erklärt bei dieser Gelegenheit sofort seine wichtige Stellung in der Gesellschaft.

"Ich war Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika gewesen. Mein Name ist Jack Hardman".

"Ich bin Kardinal Brühman, und ich habe wohl das größere Recht mit diesem Mann zu reden, also überlassen sie die Verhandlungen ruhig mir", meint der Kirchenmann und wendet sich wieder an den Propheten. "Hochverehrter Petrus, ich habe hier zwanzig Leute ausgesucht die sofort in den Himmel dürfen. Die anderen muss ich erst noch überprüfen", entgegnet er großspurig.

"Was ist mit dem Afrikaner dort und was ist mit dem Mann aus Tibet?", fragt der heilige Mann ohne den Kardinal dabei anzusehen.

"Der Mann aus Tibet ist kein Christ, und bevor ich den Neger überprüfe wollte ich eigentlich noch ein paar andere Leute empfehlen", meint der Kardinal lächelnd.

"Der Neger ist bestimmt auch kein Christ", meint eine Frau empört. Sie erwartet natürlich auch besonders bevorzugt behandelt zu werden. Schließlich hat sie der Kirche eine Menge Geld gespendet. Sie besaß eine Häuserkette und hat sich dort wie eine Königin aufgeführt. Dabei hat sie alles von ihrem Mann geerbt. Sie hat nichts von diesem Wohlstand selbst aufgebaut.

"Ich will nicht mit einem Neger in den Himmel", ruft ein Mann, und ein anderer ruft: "Ich möchte gerne zu meinen Landsleuten wenn das möglich ist."

"Ich bin Generaldirektor", ruft ein anderer Mann und meint weiter, "ich möchte gerne mit Leuten zusammen gebracht werden die auch meinem Intellekt und meiner Würde entsprechen."

"Das sind doch alles Ungläubige", schreit ein anderer Mann wütend. "Es gibt kein Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet"

Plötzlich springt ein Mann neben Petrus auf die Treppe zum Tor und ruft: "Hört mal alle her! Ich bin Admiral Koch, und ich sage, wir sollten uns zuerst mal aufteilen. Alle Christen bleiben hier vorne stehen, Katholiken in der Mitte, Protestanten nach rechts! Neger, Indianer und so weiter nach links, und andere Glaubensrichtungen nach hinten. Sie können sich ja dann in weitere Gruppen aufteilen wenn Sie wollen. Ich fürchte nur es hat wenig Sinn."

"Und wo stehen die Deutschen?", ruft ein junger Mann mit einer strengen autoritären Stimme.

Aber kaum einer nimmt den Admiral wirklich ernst. Die Gestorbenen haben sich auch ohne seine Anweisungen in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Wüste Beschimpfungen, die fast in Schlägereien enden, werden ausgeteilt. Muslime und Christen geraten böse aneinander. 

Petrus schaut dem Treiben lächelnd zu. Dann meint er schließlich:

"Ihr armseligen redet oft von Frieden und Freiheit, wenn es aber darauf ankommt danach zu handeln, macht sich der wahre Charakter bemerkbar." Dann wendet er sich an den Admiral und den Kardinal und erklärt:

"Und ihnen meine Herren möchte ich sagen; dies ist nicht nur der Himmel derer die sich Christen oder Muslime nennen. Ungläubig sind nur die, die anderen Menschen Leid zufügen oder sie sogar töten."

Nach diesen Worten dreht er sich um und geht in den Himmel zurück. Er nimmt nur die mit, die sich die ganze Zeit über ruhig und bedächtig verhalten hatten. Es ist der Farbige, und der Tibeter und einige deren Glauben so fest war, dass sie nicht nur für das lächerlich kurze Leben auf Erden gearbeitet haben. Er nimmt die mit die das Beten aus eigenem Willen beherrscht haben und die über ihre Sünden nachdenken und sie wirklich bereuen. Es sind nur wenige die das Himmelstor durchschreiten dürfen; die anderen stehen verdutzt davor und fühlen sich ungerecht behandelt.

"Wieso durfte dieser Straßenfeger durch?" hört man jemanden rufen.

"Wieso durfte diese ordinäre Person durch", ruft eine ältere Frau. "Ich kannte sie zu Lebzeiten; sie war Sängerin, aber wie die schon aussah mit ihren langen ungepflegten Haaren und den schäbigen Kleidern. Ich glaube die hat doch nie Seife benutzt."

Doch dann geschieht etwas unerwartetes. In der Ferne taucht eine furchterregende Gestalt  zwischen den Wolken auf. Sie ist von schrecklichen Wesen umgeben deren Anblick jeden erschaudern lassen. Der Leibhaftige steht dort und spricht mit einer tiefen vibrierenden Stimme zu den Wartenden:

"Ihr Menschen wollt doch schnell in den Himmel. Damit ihr den heiligen Mann an der Pforte besser versteht, soll euer Spiegelbild die Form eures Charakters annehmen."

Er hat die Worte ausgesprochen und schon erscheint in der Nähe jedes wartenden ein Spiegel in dem man seinen wahren Charakter erkennen kann. Einige sehen so aus wie die schrecklichen Gestalten die um den Leibhaftigen herum schweben, aber einige nehmen auch angenehmere Formen an. Einige der Enttäuschten wollen ihren Spiegel aus Wut zertrümmern, doch sie bekommen ihn nicht zu fassen. Wie böse Geister schweben die Spiegel vor den Wartenden und zeigen ihnen wer sie sind.

Der Teufel verschwindet wieder und nimmt eine Gruppe armer Seelen mit. Ihre schaurige Gestalt ist jetzt auch ohne Spiegel zu erkennen. Es sind brutale Gewaltverbrecher die, in ihrem Leben, nie einen Gedanken an Gefühle und Harmonie verschwendet haben. Und es sind Menschen, die ihren Glauben mit Feuer und Schwert verbreiten wollten.

Die Wartenden laufen verstört umher und beschimpfen jetzt sogar Petrus. Einer schreit:

"Das ist unerhört, eine Unverschämtheit, ich möchte meinen Anwalt sprechen."

Der Kardinal steht betrübt neben einem alten Mann. Er kann nicht glauben, dass er nicht in das Reich Gottes durfte.

Der Alte spricht leise vor sich hin, aber doch so laut, dass der Kardinal seine Worte hören kann:

Die Letzten werden die Ersten sein.

Die Ersten werden die Letzten sein.

Die Untersten werden die Obersten sein.

Die Obersten werden die Untersten sein.

Der Kardinal schaut ihn böse an, sagt aber kein Wort. Als das Himmelstor ein zweites mal geöffnet wird darf der Alte, mit 100 anderen zusammen, in den Himmel. Der Kardinal und seine Gefolgschaft muss noch immer draußen bleiben. Die Wartenden versuchen vor den Spiegeln eine positive Veränderung festzustellen. Doch die Enttäuschung ist oft groß, und die Wut noch größer. Inzwischen haben noch mehr Menschen bemerkt, dass sie anderen Rassen, anderen Völkern und anderen Glaubensrichtungen angehören. Sie betrachten ihre eigene Herkunft und Weltanschauung als Idealismus; alles was anders ist wird als minderwertig betrachtet. Die Menschen haben gelebt um zu lernen, sie sind gestorben um zu lernen, und jetzt stehen sie vorm Himmelstor und haben immer noch nichts gelernt.

Der Leibhaftige erscheint wieder in seiner grässlichen Gestalt und nimmt die Hälfte der Streithähne mit. Dann geht das Himmelstor auf und Petrus tritt erneut aus dem Reich Gottes und spricht:

"Ihr möchtet also einen Himmel der eurer Würde und eurem Intellekt entspricht. Ihr wollt zu euresgleichen in den Himmel. Ihr wollt nicht zu Ausländern und ihr wollt auch nicht mit anderen Rassen, anderen Völkern, andern Glaubensrichtungen und anderen Gesellschaftsschichten zusammengebracht werden. Ihr habt euch mühevoll einen hohen Rang in der Gesellschaft erkämpft und erwartet jetzt natürlich dementsprechend behandelt zu werden. Nun gut, ich habe einen Platz gefunden der euren Vorstellungen entspricht und wo ihr euch bestimmt wohl fühlen werdet. Ihr dürft nun alle durch dieses Tor schreiten."

Das Gedränge ist groß. Und alle tun so als ob das bisher nur ein Spiel gewesen wäre. Aber sie können nicht verstehen wieso jetzt alle hindurch dürfen. Petrus hat sie bestimmt nur testen wollen und wird sie jetzt im Himmel bestimmt aussortieren. Die einzelnen Gruppen sind jetzt felsenfest davon überzeugt, dass sie nun ja doch noch in den Himmel kommen. Sie haben auch nichts anderes erwartet; jedenfalls denkt das jeder Einzelne von sich selbst. Man kann immer noch nicht verstehen wieso die anderen früher in den Himmel durften. Sie wissen nicht, dass nur die Menschen in den Himmel durften, die ein Bild vom Paradies malen konnten. Als die restlichen Gestorbenen das Tor durchschritten hatten, werden sie wieder geboren. Sie sind wieder an dem einzigen Ort den sie sich als Paradies vorstellen können. Sie sind auf der Erde, in einer Zeit vor dem 22. Jahrhundert.

Ein seltsamer Traum von einer verlorenen Insel

Der Traum begann auf einer Insel. Dreihundert Menschen waren in der Nähe auf einem großen Ruderboot mit leicht zu handhabenden getriebeverstärkten Rudern. Es genügte, wenn auf jeder Seite zehn Leute ruderten. Doch es war ihnen fast unmöglich Leute zum rudern einzuteilen, weil sich niemand etwas befehlen lassen wollte. Nachdem ein paar Besonnene dann doch begannen zu rudern, konnte die Reise auf die Insel losgehen. Aber der Streit um die Ruder ging immer weiter. Sie stritten sich darum, wer Kapitän sein solle. Sie wollten Offiziere benennen, die die Mannschaft leiten sollten. Doch es gab zu viele Häuptlinge und zu wenig Indianer. Sie wussten, dass sie die Insel erreichen mussten, denn der Proviant wurde langsam knapp. Während einige Besatzungsmitglieder sich stritten, wer nun kompetenter wäre ein solches Schiff zu lenken, fanden sich jedoch immer wieder welche, die freiwillig ruderten. Als der Streit um die Kapitänsmütze nicht aufhörte, beschlossen die Freiwilligen auch nicht mehr zu rudern. Das Schiff trieb langsam auf die Insel zu. Die wenigen Freiwilligen, die die ganze Zeit über abwechselnd ruderten, wurden heftig beschimpft, weil sie aufhörten zu rudern. Als die Insel in Sichtweite war, wollte immer noch keiner an die Ruder. Dann hörte man eine Stimme, die zu ihnen sprach:

„Ihr habt die Insel fast erreicht. Dort gibt es genügend Lebensmittel, Obstbäume und Unterkünfte. Ihr müsst dort hin, denn in wenigen Stunden beginnt euer Schiff zu sinken. Wenn ihr jetzt rudert, werdet ihr sie noch erreichen. Die besten Plätze sind in der Mitte der Insel. Dort steht ein großes Haus. In diesem Haus ist ein goldener Ring der seinem Besitzer große Macht und Unverwundbarkeit verleiht. Auch zehn silberne Ringe sind dort zu finden, die zusammen fast die gleiche Fähigkeiten besitzen, wie der goldene Ring. Im Haus sind viele Waffen, aber auch Werkzeuge, Vorräte, und einiges an Luxus. Ihr dürft weder Waffen, noch Ringe nehmen. Ihr dürft diese Dinge nicht anfassen, sonst kommt großes Unheil über euch. Ihr dürft euch nur der Werkzeuge und der Vorräte bedienen. Ihr könnt dort gut leben, wenn ihr wollt. Macht das Beste daraus!“

Was sie nicht wussten war, dass die Insel langsam vom Meer abgetragen wurde, wenn sie sich der Ringe bedienten.

Die Stimme war noch nicht verstummt, da sprangen schon die ersten Menschen ins Meer, um schwimmend die Insel zu erreichen. Sie rannten was sie konnten zur Mitte der Insel. Triumphierend hielt der Erste seinen goldenen Ring in die Höhe. Von nun an war er der unbesiegbare Herrscher über alle anderen Inselbewohner. Nichts und Niemand konnte ihm noch gefährlich werden. Von nun an würde er bestimmen wer arbeitet oder rudert, oder sonnst was tut. Die Eroberer der Silberringe schauten zwar neidisch zum Besitzer des goldenen Ringes, aber sie mussten sich mit ihrer Eroberung begnügen. Die Anderen bedienten sich der Waffen, die sie fanden. Der erste Befehl, der gegeben wurde war: „Riegelt das Gelände ab! Niemand darf über den Absperrzaun!“

Im Gelände um das Haus war genügend Platz um Zelte zu errichten. Akribisch wurden die Menschen ausgesucht, die ein Zelt bekamen und auf dem Gelände wohnen durften. Schöne Frauen, gute Bekannte und Freunde hatten Vorrang vor allen anderen. Andere Außenstehenden wurde versprochen, dass man Lebensmittel und Vorräte über den Zaun reichen würde. Also waren auch die Menschen mit Stolz erfüllt, die einen guten Platz am Zaun erkämpft hatten. Andere Menschen stritten sich um die Obstbäume, die auf der Insel standen. „Das ist mein Baum. Ich habe ihn zuerst gesehen“, hörte man sie immer wieder rufen. Die Schwächsten standen am Rand der Klippen, die langsam vom Meer abgetragen wurden. Grenzen wurden gezogen, die sie nicht überschreiten durften. Wer den Herrschern des Hauses einen Gefallen tun wollte, musste gehorchen und die Grenzen sichern. Durch diesen Gehorsam, versprachen sich viele einen Vorteil zu erlangen. Die Verlockung, in dem Haus auch an den schönen Partys teilnehmen zu dürfen, war zu groß. Aber auch Neid und Missgunst kam auf. Doch diese Gefühle wurden den Mächtigen gegenüber immer mit einem freundlichen Lächeln unterdrückt.

Die Außenstehenden waren völlig ungeschützt, Wind und Wetter ausgesetzt. Sie Hungerten und froren. Doch man kümmerte sich nur wenig um sie. Als die ersten Außenstehenden ins Meer vielen, schauten die anderen Inselbewohner jenseits der Grenze, nur belanglos zu. Sie fühlten sich überlegen und sicher auf ihren eroberten Plätzen. Als dann jedoch die ersten Warnungen ausgesprochen wurden und gesagt wurde, man müsse zusammen ein großes Floß bauen, sonst würden sie alle sterben, war die Antwort:

„Ach, hört euch mal die Moralapostel an. Hier will uns jemand belehren.“ Sie fühlten sich beleidigt, weil jemand an ihrer Klarsicht zweifelte. Man glaubte auch besser zu leben, wenn man der selben Meinung war, wie die Herrscher des Hauses. Wer anderer Meinung war, verlor das Ansehen der Hausbewohner und wurde nach außen gedrängt.

Aber auch Warnungen von anderen Menschen, die einen sicheren Platz erobert hatten, wurden als Weltverbesserer beschimpft. Ein böser Blick und ein warnendes Wort genügte, und sie wurden wieder still, und gehorchten. So hielt sich jeder an seinem eroberten Platz fest und triumphierte über unterlegene Menschen. Aber als die ersten Menschen mitsamt ihren eroberten Obstbäumen ins Meer stürzten, begannen einige von ihnen doch ernsthaft über den bau eines Floßes nachzudenken. Sie konnten sich jedoch wieder nicht einigen wer arbeiten und wer planen sollte. Es entbrannte eine heftige Diskussion, wer der bessere Architekt wäre, der die Planung übernehmen konnte. Die Insassen des Hauses und die Bewohner der Gärten lachten nur über die heftige Diskussion und spielten die Gefahr herunter. Das Meer würde die Mitte der Insel niemals erreichen, sagten sie. Die Zauneroberer wollten ihren sicheren Platz ebenfalls nicht aufgeben, um sich am bau eines Floßes zu beteiligen. Andere sagten, es wäre zu gefährlich. Beim bauen des Floßes könnte sich jemand ernsthaft verletzen. Außerdem müsste man kostbare Bäume fällen. Als sie sich nicht einigen konnten und die Außenstehenden nicht weiter wussten, bauten sie Waffen. Bald schon hatten sie Speere, Bogen und Steinschleudern. Es entbrannte ein furchtbarer Krieg. Am Ende waren nur noch die bewaffneten des Hauses übrig geblieben. Das Meer fraß jedoch immer weiter an der Insel. Als sich die Bewaffneten gegen die Ringträger stellten, weil nun auch sie bemerkten, dass das Schicksal vor niemanden halt macht, öffneten die Ringträger eine Garage und fuhren mit einem selbstgebauten, gepanzerten Amphibienfahrzeug zum Rand der Klippen und ließen ihr Boot ins Meer hinabgleiten. Auf der Insel waren nur noch die bewaffneten Soldaten übrig, die auch vom Meer verschlungen wurden. Die Ringträger fuhren mit ihrem Boot davon. Aber auch sie waren nicht in Sicherheit. Halb verhungert und durstig erreichten sie eine andere Insel. Dort herrschte der, der die Warnung ausgesprochen hatte. Alle, die das Meer verschlungen hatte, waren auf die Insel gerettet worden. Die besten Plätze wurden hier nicht nach Stärke verteilt, sondern nach der Liebe, die sie in ihren Herzen hatten.

Die Faschingshexe

Im Leben gibt es keine Zufälle, sagen einige Leute. Nun, ich weiß nicht ob das stimmt. Die folgende Geschichte scheint das aber zu bestätigen. Sie ist wahr und hat sich tatsächlich so zugetragen. 

Es ist schon einige Jahre her. (etwa Mitte der Neunziger Jahre). Ich weiß heute gar nicht mehr so genau in welchem Jahr das war. Damals schrieb ich an einem Buch. Obwohl ich das  eigentlich gar nicht so richtig konnte. Romane schreiben ist nicht so einfach. Aber ich konnte nicht anders; ich musste meine Eindrücke über diese Welt irgendwie hinaus schreien. Mir war mit jeder Zeile die ich schrieb ein wenig leichter. Für mich war das wie eine Therapie. Es beruhigte mein Inneres enorm und gab mir Kraft. Ich schrieb über eine bessere Welt der Zukunft und veröffentlichte später auch Texte auf meiner Internetseite. Irgendwann dachte ich, ich wäre – wegen meiner Weltverbessernden Gedanken die ich veröffentlichte – etwas besonderes.

Mein Erlebnis, das sich darauf bezieht, war an einem Rosenmontag vor vielen Jahren. Die Narren hüpften auf dem Rosenmontagszug umher, und ich machte mir mal wieder Gedanken um Gott und die Welt. Ich war aber auch wieder mit meinem Ego beschäftigt. Ich dachte mir, dass diese Leute alle lachend umherhüpfen, und ich bin wohl der Einzige, der an etwas anderes denkt. Da muss ich doch etwas besonderes sein ... dachte ich. Da hüpfte eine Hexe auf mich zu. Sie war natürlich maskiert, so dass ich nicht wusste, ob ich die Hexe vielleicht kannte. Diese Hexen wollen den Zuschauern, die am Straßenrand stehen, immer Konfetti in die Kleidung stopfen. Ich versuchte ihr auszuweichen. Sie hatte mich aus meinen Gedanken gerissen. Plötzlich blieb sie stehen und sah mich an. Das alleine ist schon ungewöhnlich; denn diese Faschingshexen nehmen sich oft Opfer, die leicht zu überraschen sind. Sie kam langsam auf mich zu, packte mich am Arm und flüsterte mir, mit einem anderen Dialekt, ins Ohr:

„So groß wie du glaubst zu sein, bist du gar nicht. Aber ein wenig schon“.

Dann verschwand sie wieder. 

Zuerst war ich mit den Konfetti beschäftigt, die sie mir dann doch in die Kleidung stopfte. Erst viel später dachte ich über diese Worte nach. Ja sogar bis heute denke ich darüber nach.

War das nur Zufall, weil sie mich vielleicht kannte? Möglich. Dann müsste Sie aber einen Grund dafür gehabt haben. Meine Gedanken konnte sie bestimmt nicht lesen. Ich habe mit niemanden über meine Gedanken gesprochen. Und einen anderen Grund für die Worte suche ich noch heute.

Hat sie es nur so daher gesagt? Möglich. Aber wieso dann ausgerechnet diese Worte?

Oder .......

Mich haben diese Worte, bis heute, stark beeinflusst. Wenn das ein Zufall war, war es der genialste Zufall der mir je passierte.

R.Janson