Früher war alles anders.

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Früher war alles anders.

 

Es war die Zeit der Beatles, des Rock ’n’ Roll und dem Bestreben, den ersten Mensch auf den Mond zu schicken. Damals war alles anders.

In der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges, musste vieles wieder aufgebaut werden. Dazu kam noch eine Zeit des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts.

Wir Kinder erlebten diesen Wirtschaftsaufschwung, in einer von Industrie strotzenden Region, hautnah mit. In unserem Dorf und unserer Siedlung, erlebten wir die Anschaffung der ersten Autos, der ersten Telefone, der ersten Waschmaschinen, der ersten Fernsehgeräte; die Zeit wurde moderner.

Aber, gerade weil nicht jeder ein Auto hatte, und weil so viel Industrie in der Region ansässig war, konnten sich auch im dörflichen Bereich viele kleine Geschäfte gut halten. Wenn wir etwas benötigten, gingen wir in den „Tante Emma Laden“ oder ins Dorf. Niemand fuhr mit einem Auto zehn Kilometer in den Großhandel, um ein Pfund Butter zu kaufen. Im „Tante Emma Laden“ war man bekannt. Man wurde immer freundlich empfangen, und es wurden auch schon mal die neuesten Neuigkeiten ausgetauscht.

Das Leben in einer Bergarbeitersiedlung war ebenfalls etwas Besonderes. Man lebte miteinander, nebeneinander und auch füreinander. Man lebte Seite an Seite mit Kollegen aus dem Bergbau. Man wusste wer Sorgen hatte. Man wusste wer sich ein Auto kaufen wollte, und man wusste wer sich eine neue Küche angeschafft hat.

Daran war nichts Schlechtes. In einer gut funktionierenden Familie weiß man das auch. Und solch eine Bergarbeitersiedlung war wie eine gut funktionierende Familie.

Solche Siedlungen wurden teilweise bereits vor dem Krieg gebaut. Es war ja auch viel mehr Arbeit da, als Wohnraum. Darum gab es ja auch die Notlösung mit den Schlafhäusern, für Angehörige des Bergbaus.

Um den Leuten zu ermöglichen in der Region arbeiten zu können, wurden also Siedlungen gebaut. Es wurden auch Busse eingesetzt, die teilweise durch das ganze Bundesland – und darüber hinaus - fuhren, um die Bergleute einzusammeln, und später wieder nach Hause zu fahren.

Man konnte damals noch ohne Auto existieren.

Gerade weil die Leute nicht alles hatten, konnte noch die Wirtschaftliche Lage in den Dörfern und Städten der Region besser aufrecht erhalten werden. So wie eine Hand die andere wäscht, so funktionierte auch die Wirtschaft in den Kommunen. Weil zahlreiche Industrieanlagen in der Region ansässig waren, hatten auch die kleinen dörflichen Geschäfte reichlich Kunden und Aufträge.

Wir Kinder lebten ohne Computer, ohne Internet, ohne Handy, ohne Markenklamotten, ohne iPod, iPad, iPhone (Oder wie die Eier alle heißen). Wir lebten sogar noch ohne Fernseher. Denn das ARD startete damals sein Programm erst ab 17:00 Uhr. Und wir hatten nur ein Programm.

Es gab viele kleine Geschäfte und viel Industrie. Und viele Leute hatten, ordentlich bezahlte, gute Arbeit. In unserem Dorf gab es ein Malergeschäft in dem alle kauften wenn renoviert wurde. Niemand fuhr irgendwo in einen Baumarkt. Den gab es damals noch gar nicht, so wie heute. Man wurde im Geschäft gut beraten und bekam auch immer gute Tipps vom Fachmann. So war es mit allen Geschäften: Mit der Bäckerei, dem Metzger, dem Fernsehmechaniker, der Drogerie, dem Kleinkaufhaus und dem Kleidergeschäft.

Heute ist fast alles weg. Mit der wegfallenden Industrie, wurden auch die ansässigen Zulieferfirmen und die Geschäfte weniger. Und die Leute fuhren plötzlich mit dem Auto in die Großstadt zum Einkaufen. Sie brauchten keine Einkaufstaschen mehr zu schleppen. Sie konnten alles in den Kofferraum laden und direkt nach Hause fahren.

Und so starb ein „Tante Emma Laden“ nach dem anderen. Um arbeiten zu können, musste man nun selbst mit dem Auto – teilweise viele Kilometer – zur Arbeit fahren. Denn um Wohnraum oder Anfahrtswege, machte sich nun niemand mehr Gedanken.

Die Dörfer und Städte wurden teilweise immer ärmer. Aber die Menschen hatten mehr Luxus. Die Großindustrie, und der Großhandel, wurden immer mächtiger und bestimmten irgendwann das Leben und sogar die Politik.

Die Industrie war verschwunden und die Arbeitsplätze wurden weniger. Stattdessen gab es Leiharbeiterfirmen. Aber unsere Ansprüche stiegen – wegen Werbung und dem Bedürfnis sich selbst und Anderen etwas beweisen zu müssen - immer mehr an. Die Menschen wurden zur Kaufsucht manipuliert.

Die Waren wurden teurer, das Angebot größer und das Geld weniger. Nun verschuldeten sich immer mehr Leute so sehr, dass sie nichts mehr zurückzahlen konnten.

Es gibt dieses berühmte Zitat – vermutlich von Danny Kaye, US-amerikanischer Schauspieler, Komiker und Sänger, 1913–1987 / auch Dieter Hildebrandt hat es einmal gebraucht – dass man Dinge kauft die man nicht braucht, mit Geld das man nicht hat, um Leuten zu imponieren die man nicht mag. Und dann kommt die Privatinsolvenz.

Die wenigen Arbeitsplätze werden immer mehr für höher geschulte Leute reserviert. Firmen verlangen heute von Bewerbern für eine Ausbildungsstelle – auch im Handwerklichen Bereich – einen Hochschulabschluss oder Abitur. Dass in frühen Jahren auch Schlosser ohne Abitur, aber mit großem Handwerklichem Geschick, für den Aufbau der Industrie mit sorgten, will heute keiner mehr verstehen. Man muss ja heute die Anzahl der Hammerschläge auf einen Meißel errechnen können, um eine verrostete Schraube aufklopfen. Dieses System ist falsch!

Für die einfachen Leute hat man heute – auch von höchst politischer Stelle – oftmals nur noch Verachtung, statt Arbeitsplätze übrig.

Und wenn man Arbeit bekommt, dann sollen die Lohnnebenkosten gesenkt werden. Mit anderen Worten, Hungerlöhne sollen möglichst gezahlt werden.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden noch Firmen mit viel Fairness, Herzblut und Eigeninitiative aufgebaut. Heute werden sie mit gleichem Eifer ausgebeutet.

Die Reichen haben nur noch ein Bedürfnis, in dieser Welt: Noch reicher zu werden. Koste es wen es wolle.

Es gibt immer mehr Opfer dieses „Modernen Systems“. Wir leben aber zu oft in unserer eigenen heilen Welt.

Viele - nicht alle - sind an ihrem Elend selber schuld. Aber früher hatte man anders gelebt, anders gearbeitet und die Gesellschaft funktionierte anders. Früher hatte man auch Arbeit für Leute, die in der Gesellschaft nicht so gut zurechtkommen. Im Laufe der Zeit, haben wir diese schleichenden Veränderungen kaum bemerkt.

Die Bevölkerung ist zahlreicher geworden, die Arbeit weniger und die Ansprüche größer.

Man muss das kleine Volk irgendwie beschäftigen, sättigen und ermüden. Dann haben die oberen zehntausend freie Fahrt.

Dieser Weg führt unumgänglich, immer wieder zum Untergang. Nur mit Weisheit und Vernunft kann man ihn umlenken.

Da der Sexualtrieb aber keinen verstand erfordert, sehe ich in einer künftigen Überbevölkerung eine sehr einseitig negative Belastung dieser Waage der Hoffnung.

Wenn ich darüber nachdenke, denke ich oft:

Früher hatte ich mehr Hoffnung.

 

R. Janson

www.janson-ruediger.de