Die 20 Regeln des Gichin Funakoshi


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Die 20 Regeln des Gichin Funakoshi


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Eine Interpretation und Analyse der 20 Regeln des Gichin Funakoshi.

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Von Rüdiger Janson

 

© Rüdiger Janson

www.janson-ruediger.de

 

 

Version Juni 2017

 

 

https://www.facebook.com/groups/KampfkunstKarate/

 

Vorwort

Die 20 Regeln des Gichin Funakoshi sind so ziemlich jedem Karateka bekannt. Sie sind auch zahlreich im Internet verbreitet.

 

Leider gibt es teilweise enorme Übersetzungsprobleme und daher einige verschiedene Deutungen. Manchmal sind sie gleich, und manchmal grundverschieden. Manchmal wurde etwas dazu erfunden, und manchmal ändert auch ein kleines Wort die Bedeutung eines Leitsatzes enorm.

Im Internet werden immer wieder die gleichen Übersetzungen kopiert und verbreitet. Ich versuche hier einmal etwas Ordnung in die Sache zu bringen. Ich versuche in diesem Buch, mit meinen Möglichkeiten, etwas genauer hinzuschauen. Vielleicht beschäftigt sich irgendwann einmal jemand damit, der das besser kann als ich.

Offenbar gibt es nur wenige wirklich brauchbare Analysen der 20 Regeln. Darum habe ich einmal versucht, die Leitsätze zu verstehen.

Sie unterteilen sich einerseits in Karate-Themen, und andererseits in sehr tiefgründige Philosophische Leitsätze.

Diese Regeln sind teilweise auf einem sehr hohen philosophischen Niveau. Dieses Niveau ist so hoch, dass man wirklich lange und intensiv darüber nachdenken muss.

Manchmal ist mir nicht ganz klar, ob diese Leitsätze wirklich alle von Meister Funakoshi stammen, oder ob er ein paar davon von seinen Meistern gelernt hat.

Einige Leitsätze wurden wegen Übersetzungsprobleme falsch interpretiert und auch missverstanden.

·         Man muss einerseits die japanischen Schriftzeichen deuten.

·         Dann muss man über sehr viel Karate-Erfahrung verfügen.

·         Man muss die Karate-Geschichte kennen.

·         Man muss sich auch mit dem Leben von Meister Funakoshi beschäftigt haben.

·         Und man muss auch philosophisch denken können, und Einsicht in hinterlassene Weisheiten haben.

·         Und man muss das alles auch verstehen.

Allein ein Japan-Kenner zu sein, reicht da bei weitem nicht aus.

Wir haben leider allzu oft und viel zu schnell, eine Antwort auf alle Fragen parat.

Aber um es mit den Worten von Theodor Fontane (deutscher Schriftsteller 1819 - 1898) zu sagen:

Ein guter Spruch ist die Wahrheit eines ganzen Buches in einem einzigen Satz.

Und so ist es auch mit einer schnellen Antwort. Eine schnelle Antwort ist oftmals nicht gut durchdacht. Aber genau das wollen wir einmal mit einigen Zitaten des Meisters Funakoshi tun. Wir denken einmal darüber nach. Und wir versuchen sie, durch den Wirrwarr der verschiedenen Übersetzungen, zu deuten.

 

Und das ist immer noch besser, als etwas auswendig zu lernen, das man nicht wirklich versteht, oder das einen nicht gewollten Sinn weiter gibt. 

 

Wer Kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Berthold Brecht. Dramatiker und Lyriker (1898 - 1956 )

 

Diese Weisheit gilt für das ganze Leben.

 

Das sei all denen gesagt die meinen, man dürfe sich nur an diese Sache heran wagen, wenn man ein Japan-Experte ist. Ein Japan-Experte zu sein reicht bei Weitem nicht aus, wenn man die 20 Regeln des Meisters wirklich deuten will.

Darum gilt für mich:

Wer genauer hinschaut, kann sich irren. Wer nicht genauer hinschaut, der hat sich schon geirrt.

 

 

Die 20 Leitsätze

 

Hier sind nur einmal vier Quellen, die Verbreitung finden. Manchmal stimmen sie überein, manchmal nicht.

 

Die Übersetzung mit der roten Schrift stammt aus dem Buch:

The Twenty Guiding Principles of Karate.

In Deutsch erschienen unter dem Titel:

Karate-do: Die Kunst, ohne Waffen zu siegen.

 

Dieses Buch wurde vom japanischen ins amerikanische übersetzt, und dann ins deutsche. Es soll noch zu Lebzeiten von Gichin Funakoshi persönlich autorisiert worden sein. Aber geschrieben und übersetzt haben es andere. Die original japanische Fassung stammt von Genwa Nakasone. Die amerikanische Übersetzung stammt von John Teramoto. Die deutsche Übersetzung aus dem amerikanischen, stammt von Guido Keller.

 

 

Internet-Quellen:     http://www.karate-do.de/htdocs/ger/allgemeines/funakoshi.html

                                 https://de.wikipedia.org/wiki/Funakoshi_Gichin

                                http://www.karate-go-zen.de/20regeln.php

 

 

Und hier sind die Leitsätze in den verschiedenen Auslegungen. Wie oben schon erwähnt, sind manchmal die Unterschiede nicht sehr groß. Dennoch können sie sich von der japanischen Fassung enorm unterscheiden. Die schlimmste Fehlinterpretation ist in der 17. Regel zu erkennen. Die schwierigste war Regel Nr. 14

 

 

 

 

 

1)                  一、空手は礼に初まり礼に終ることを忘るな .

karate-do wa rei ni hajimari rei ni owaru koto a wasaru na

Karate Do beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.

Do not forget that karate-do begins and ends with rei.
Vergiss nie: der Weg des Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.

 

 

 

2)                  二、空手に先手無し .

 karate ni sente nashi

 Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.

 Im Karate macht man nicht die erste Bewegung.

 Im Karate gibt es kein Zuvorkommen.

There is no first strike in karate

Im Karate gibt es keinen Erstschlag.

 

 

 

3)                  三、空手は義の補け.

  Karate wa gi no tasuke.

  Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.

  Karate stands on the side of justice

  Karate steht auf der Seite der Gerechtigkeit.

  

 

 

4)            四、先づ自己を知れ而して他を知れ.

  Mazu jiko wo shire, shikashite ta wo shire.

  Erkenne zuerst dich selbst, dann den anderen.

   First know yourself and then know others

   Erkenne erst dich selbst, dann den anderen.

 

 

 

5)            五、技術より心術.

Gijutsu yori shinjutsu.

Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.

Intuition ist wichtiger als reine Technik.

Mentality over technique

Geistesschulung ist wichtiger als Technik.

 

 

 

6)            六、心は放たん事を要す.

Kokoro wa hanatan koto wo yosu.

 a) Lerne deinen Geist zu kontrollieren und befreie ihn dann.

 b) Lerne, deinen Geist zu kontrollieren, und befreie ihn dann von Unnützem.

c) Lerne, deinen Geist zu kontrollieren und befreie ihn erst danach.

The heart must be set free

The mind must be set free

Befreie deinen Geist.

 

 

 

7)            七、禍は懈怠に生ず.

Wazawai wa getai ni shozu.

a) Unglück geschieht immer durch Unachtsamkeit.

b) Unheil entsteht durch Nachlässigkeit.

Calamity springs from carelessness

Unglück entspringt der Unachtsamkeit.

 

 

 

8)           八、道場のみの空手と思うな.

 Dojo nomi no karate to omou na.

 Dōjō nomino Karate to omou na

Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet.

 Karate goes beyond the dojo

 Karate geht über das Training hinaus.

 

 

 

9)            九、空手の修行は一生である.

Karate no shugyo wa issho de aru.

 a) Karate üben heißt, ein Leben lang arbeiten. Darin gibt es keine Grenzen.

b) Die Ausbildung im Karate umfasst Dein ganzes Leben.

Karate is a lifelong pursuit

Karate ist eine lebenslange Aufgabe.

 

 

 

10)         十、凡ゆるものを空手化せ其処に妙味あり.

Ara-yuru mono wo karate-ka seyo, soko ni myo-mi ari.

a) Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du geistige Reife erlangen.

b) Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, das ist der Zauber der Kunst.

c) Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du Myo (Leben) finden.

Apply the way of karate to all things. Therein lies its beauty

Wende Karate auf alle Dinge an. Daran liegt seine Schönheit.

 

 

 

11)          十一、空手は湯の如く絶えず熱を与えざれば元の水に返る.

Karate wa yu no gotoshi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru.

a) Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig warm hältst.

b) Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig wärmst.

Karate is like boiling water, without heat it returns to its tepid state

Karate ist wie kochendes Wasser: Ohne Hitze fällt es in einen lauwarmen Zustand zurück.

 

 

 

12)          十二、勝つ考えは持つな、負けぬ考えは必要.

Katsu kangae wa motsu na makenu kangae wa hitsuyo.

Denke nicht an das Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert.

Do not think of winning. Think rather of not losing

Denke nicht ans Gewinnen, sondern ans Nicht-Verlieren.

 

 

 

13)          十三、敵に因って転化せよ.

Teki ni yotte tenka seyo.

a) Wandle dich abhängig vom Gegner.

b) Verändere deine Verteidigung gegenüber dem Feind.

Make adjustments according to your opponent

Passe dich deinem Gegner an.

 

 

 

14)          十四、戦は虚実の操縦如何にあり.

Tatakai wa kyo-jitsu no soju ikan ni ari.

a) Der Kampf hängt von der Handhabung des Treffens und des Nicht-Treffens ab.

b) Der Kampf hängt von der Handhabung deiner Treffsicherheit ab.

c) Der Kampf entspricht immer deiner Fähigkeit, mit Keyo (unbewacht) und Jitsu (bewacht) umzugehen

The outcome of a battle depends on how one handles emptiness and fullness (weakness and strength)

Der Ausgang eines Kampfes hängt davon ab, wie man Leere und Fülle handhabt.

 

 

 

15)          十五、人の手足を劔と思え.

Hito no te ashi wo ken to omoe.

Stelle dir deine Hand und deinen Fuß als Schwert vor.

Think of the opponent’s hands and feet as swords

Stelle dir die Hände und Füße deines Gegners als Schwerter vor.

 

 

 

16)          十六、男子門を出づれば百万の敵あり.

Danshi mon wo izureba hyakuman no teki ari.

a) Wenn man das Tor zur Jugend verlässt, hat man viele Gegner.

b) Wenn man den Ort verlässt, an dem du zu Hause bist, machst du dir zahlreiche Feinde. Ein solches Verhalten bringt dir Ärger ein.

When you step beyond your own gate, you face a million enemies

Verlässt Du dein Haus, begegnen dir eine Million Feinde.

 

 

 

17)          十七、構えは初心者に、あとは自然体.

Kamae wa shoshinsha ni ato wa shizentai.

a) Die Haltung des Anfängers muss frei sein von eigenen Urteilen, damit er später ein natürliches Verständnis gewinnt.

b) Das Einnehmen einer Haltung gibt es beim Einsteiger, später gibt es den natürlichen Zustand.

c) Anfänger müssen alle Haltungen ohne eigenes Urteil annehmen, um dann einen natürlichen Zustand des Verstehens zu erreichen.

Formal stances are for beginners; later one stands naturally

Kamae (ready stance) is for beginners; later on stance in shizentai. (natural stance)

Die Kampfstellung (Kamae) ist für den Anfänger wichtig; später wird die Stellung dann ganz natürlich. (Shizentai)

 

 

 

18)         十八、型は正しく、実戦は別もの.

Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono.

a) Die Kata darf nicht verändert werden, im Kampf jedoch gilt das Gegenteil.

b) Übe die Kata korrekt, der echte Kampf ist eine andere Angelegenheit.

c) Die Kata muss ohne Veränderung korrekt ausgeführt werden, im wirklichen Kampf gilt das Gegenteil.

Perform prescribed sets of techniques exactly; actual combat is another matter.

Perform Kata exactly; actual combat is another matter.

Führe die Formen (kata) exakt aus. Der wirkliche Kampf, findet auf einer anderen Ebene statt.

 

 

 

19)          十九、力の強弱、体の伸縮、技の緩急を忘るな.

Chikara no kyojaku, karada no shinshuku, waza no kankyu wo wasuruna.

Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell, alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.

Do not forget the employment of withdrawal of power, the extension or contraction of the body, the swift or leisurely application of technique.

Vergiss nicht das Verstärken oder Verringern der Kraft, das Ausdehnen  oder Zusammenziehen des Körpers, das schnelle oder langsame Ausführen der Technik.

 

 

 

20)         二十、常に思念工夫せよ.

Tsune ni shinen kufu seyo.

a) Denke immer nach, und versuche dich ständig an Neuem.

b) Erinnere dich und denke immer an Kufu (die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf einen Sinnesreiz zu begrenzen) lebe die Vorschriften jeden Tag.

Be constantly mindful, diligent, and resourceful in your pursuit of the Way.

Sei stets aufmerksam, gewissenhaft und erfinderisch auf deinem Weg.

 

 


 

Regel Nr. 1

 

Karate Do beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.

 

空手は礼に初まり礼に終ることを忘るな . 

礼に   Begrüßung; Verbeugung; gute Manieren; Höflichkeit

Rei - Gruß

Und Tatsächlich spricht der Meister in seinem Buch „Karate-Do mein Weg“ von Höflichkeit.

Zitat Seite 49: „Karate-Do beginnt und endet mit Höflichkeit“.

尊敬 ... Achtung, Ehrerbietung; Respekt; Verehrung. (Fehlt oben)

In der japanischen Fassung ist noch von „rei“ die Rede.

In der amerikanischen Fassung ebenfalls.

In der deutschen Übersetzung aber nicht mehr. Da spricht man nur noch von Respekt.

Do not forget that karate-do begins and ends with rei.

 

Der Begriff „Rei“ ist in sehr vielen Kampfkünsten bekannt.  Rei“ wird meist mit „Gruß“ übersetzt. Rei hat seinen Ursprung einmal im Wort Kei-Rei (Gruß, Verbeugung) und stammt zum anderen von Rei-Gi (Höflichkeit, Verhalten) ab.

Quelle: karate-do.de/htdocs/ger/allgemeines/gruss.html#REI

 

Man hätte hier also, als Karate-Kenner, von Rei sprechen können. Denn Rei umfasst vieles. Rei bedeutet Vertrauen, guten Willen, Verständnis, Achtung, Respekt und Lernbereitschaft.

 

Aber bleiben wir beim Sinn der Weisheit, der dadurch fast gleichgeblieben ist. Warum man sich dennoch irren kann, dazu kommen wir gleich.

 

Was ist Karate Do?

Diese Frage muss man sich zuerst stellen, wenn man dieses Zitat analysieren will.

 

Karate Do: Was verstand der Meister darunter?

 

Funakoshi war ein sehr gebildeter Mann. Wenn man seine Biografien liest, erkennt man sehr schnell, dass er ein Mann war, der jeder Auseinandersetzung aus dem Weg ging.

Wenn man also dieses Zitat betrachtet, dann muss man auch das Karate betrachten, das er sah. Das Zitat wird aber immer wieder zeitgemäß durch die Bahnen der Geschichte geschleppt und entsprechend angepasst.

So glaubt man heute, man hätte diesem Leitsatz genüge getan, wenn man sich, vor und nach einem Kampf, vor dem Gegner verbeugt.

Kann man es sich so einfach machen? Manchmal auch nur mit einem Kopfnicken?

Also fragen wir uns, was er unter Rei verstand. Und was wir unter Respekt verstehen.

 

Funakoshi hatte bestimmt nicht nur die übliche Verbeugung vor und nach einem Kampf gemeint. Denn Respekt anderen Menschen gegenüber zu zeigen, ist mehr als nur eine kurze übliche Verbeugung.

Es heißt ja auch nicht nur, dass „der Kampf“ mit Respekt beginnt und mit Respekt endet; sondern dass KARATE DO mit Rei beginnt und mit Rei endet. Er spricht also von Rei, das man auf dem „Weg des Karate“ anderen Menschen gegenüber haben und geben sollte.

Und genau das machen wir doch alle:

Shomen ni rei, Sensei ni rei, Otaga ni rei.

Respekt ist oftmals eine Einbahnstraße. Wenn man Respekt fordert, muss man auch Respekt  zurücksenden.

Und das sollte nicht nur im gesamten Karate so sein. Das ist im gesamten Leben so.

Es gibt nur die Wertschätzung oder die Geringschätzung. Wenn ich also respektiert werde, kann ich den gleichen Respekt zurückgeben. Oder ich gebe Respekt, und erhalte eine dementsprechende gleichwertig schöne Antwort.

Das ist so im Dojo, oder sonst wo. Wer Respekt gibt, kann auch Respekt erwarten.

Respekt sollte man nicht beanspruchen.

Respekt kann man erwarten.

Respekt kann man entgegenbringen.

Respekt kann man zurückbekommen.

 

Zu wissen was Respekt ist, reicht nicht aus; man muss es auch verstehen. 

Hat man dann verstanden was Respekt ist, muss man ihn auch leben können.

Das sind drei Punkte: Wissen, Verstehen, Anwenden.

 

Wer also zu viel Respekt für sich beansprucht, und auch die Macht besitzt diesen zu erwarten, der wird nicht etwa respektiert; nein, er wird gefürchtet.

 

Der Weg des Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt? Wieso endet unser Respekt, wenn wir das Dojo verlassen? Das ergibt doch keinen Sinn. Denn unser Karate geht doch über das Dojo hinaus, wie es in Regel Nr. 8 heißt.

Wenn wir aber Rei meinen, dann ergibt es einen Sinn. Denn Rei bedeutet auch Gruß und Höflichkeit. Man kommt und grüßt höflich. Und man geht und grüßt höflich. Der Meister erzählt hierzu eine Geschichte in seinem Buch „Karate-Do Mein Weg“ im Kapitel Höflichkeit.

Wir kommen und gehen mit Höflichkeit. Karate beginnt mit Höflichkeit, und wird mit Höflichkeit (Gruß) beendet.

Shomen ni rei, Sensei ni rei, Otaga ni rei.

Respekt endet nicht.

 

Es gibt auch ein Leben außerhalb des Dojos. Im Dojo kann ein Schüler sein, der im Leben außerhalb des Dojos einen entsprechend hohen Stellenwert in der Gesellschaft geniest.

Er könnte auch anders, denn er hat die Macht dazu. Aber dieser Mensch weiß, versteht und lebt Höflichkeit.  Er macht das auch beruflich und privat.

Wenn man nun im Dojo einen „Herrschaftlichen Respekt“ erwartet, was glaubt man dann, geschieht außerhalb des Dojos?

Man sollte daher nicht im Dojo etwas erwarten, was einem außerhalb des Dojos besser nicht widerfahren soll.

Karate Do beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.

 

So einfach, wie wir es uns manchen, scheint es doch nicht zu sein.

 

Wer Höflichkeit gibt, wird meist Höflichkeit zurückbekommen. Der Meister beschreibt die in seinem Buch „Karate-Do mein Weg“.

 

Respekt ist nur ein kleines Wort in der Übersetzung, aber es ergibt einen anderen Sinn, der so nicht gemeint war.

 

Respekt ja; aber nur als Teil von Rei.

 

Regel Nr. 2

 

 

空手に先手無し .

karate ni sente nashi

 Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.

 Im Karate macht man nicht die erste Bewegung.

 Im Karate gibt es kein Zuvorkommen.

There is no first strike in karate

Im Karate gibt es keinen Erstschlag.

 

先手  … Erster Schritt, Initiative,

 

Also, dass es im Karate keine „erste Bewegung“ gibt ist schon mal Nonsens. Man bleibt ja nicht bewegungslos wie eine Statue stehen, bis einer angreift. Eine erste Bewegung kann eine „verdeckte Abwehrhaltung“ sein, oder die körperliche und geistige Alarmbereitschaft, die Zanshin mit sich bringt. 

Dieses berühmte Zitat von Sensei Funakoshi wird oft missverstanden oder nicht richtig wahrgenommen. Und es sorgt sogar für Unverständnis.

Karate ni sente nashi“ wird meist so interpretiert, als ob ein Karateka in einer Konfliktsituation warten muss bis er angegriffen wird. Erst dann soll er sich verteidigen. Als Beispiel hierfür werden die Anfangsbewegungen der Kata benannt, welche stets als Defensiv- bzw. Blockbewegung gedeutet werden. Diese Erklärung erscheint mir aber zu einfach.

Liest man seine Bücher dann findet man folgend Zitate.

 

Im Karate gibt es keinen Vorteil durch den ersten Angriff.

Verteidigung ist gleich Angriff.

Karate Do Kyohan

 

Man sieht also „keinen Vorteil“ in einem ersten Angriff.

Das bedeutet also, dass man den Angriff eines Gegners annehmen soll und dann, mit der Blocktechnik gleichzeitig, den Gegenangriff startet. Man übernimmt die Initiative.

 

Es gibt zwei Punkte, die mit diesem Zitat in Verbindung gebracht werden müssen.

 

1.      Einen Kampf vermeiden.

2.      Die Reaktionszeit.

 

Punkt 1: Den Kampf vermeiden.

 

Gewaltprävention und Selbstbehauptung.

Jeder Kampf dem man aus dem Weg gehen kann, ist ein gewonnener Kampf. Ein Ernstfall ist eine Sache ohne Ehre.

Meister Funakoshi wusste das. Karate war für ihn kein Wettkampf. Karate war Gesundheit und Überleben. Daher bestanden die ersten Blocktechniken des alten Meisters darin, einen Kampf zu vermeiden. Er machte das mit Höflichkeit, mit Vorsicht, mit geistiger Überlegenheit und mit Vernunft. Er ging Kämpfen aus dem Weg, weil man mit Kämpfen seine Gesundheit, und die Gesundheit des Gegners, aufs Spiel setzt. Außerdem lässt man einem Gegner auch keine andere Wahl als anzugreifen, wenn man selbst das Kriegsbeil immer in Händen hält.

 

Nur wenn man im Geist ein friedlicher Mensch ist, und das auch lebt, kann man Kämpfe und Auseinandersetzungen vermeiden.

Dabei darf man natürlich auch keine Schwäche zeigen. Das nennt man heute „Selbstbehauptung“.

Kämpfe vermeiden nennt man heute "Gewaltprävention". Und diese Blocktechniken sollte man immer zuerst anwenden, bevor es ernst wird.

Diese Beherrschung, und diese geistige Überlegenheit Funakoshis, war etwas Besonderes. Man kann Kämpfe vermeiden, die bei unbeherrschten Menschen zur Eskalation führen.

Diese Eigenschaften wurden (und werden) Funakoshi oft als Schwäche angehaftet. Dabei lebte er damals schon etwas, was man heute in der SV wieder entdeckt.

 

Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert.

Gichin Funakoshi

 

In seinem Buch „KarateDo mein Weg“ schreibt der  Meister im Kapitel „Erkenntnis des Wahren Karate“, dass Karate eine defensive Kunst ist, und niemals offensiven Zwecken dienen darf. Er dachte dabei daran, dass seine Schüler niemals Karate für etwas Schlechtes nutzen dürfen. Er sprach von „Illegalen Zwecken“.

 

 

Punkt 2: Der Gedanke des Gewinnens.

 

Die Reaktionszeit.

Studien haben ergeben – so seltsam das auch klingen mag – dass tatsächlich Reaktion schneller ist als Aktion. Man sollte aber bei dieser Studie den wichtigsten Punkt extra erkennen und im Karate trainieren. Hier ist das bewusste Training des Unterbewusstseins wichtig. Nur dann, kann Reaktion schneller sein als Aktion. Alles hängt von der Reaktionszeit ab. Da hilft uns Zanshin.

 

In einem Karatewettkampf stehen zwei Kämpfer gegenüber. Beide haben - und konzentrieren sich - nur auf einen Gedanken: „Ich muss den Gegner angreifen und treffen“.

Plötzlich tritt ein Kämpfer einen Fußtritt zum Kopf des Gegners. Der Getroffene hat nicht einen Zentimeter reagiert oder reagieren können.

(Der Wille einen Punkt erzielen zu müssen, blockiert oftmals Zanshin)

Warum? Weil er, mit fast all seinen Gedanken, nur auf Angriff, aber nicht auf Verteidigung fixiert war.

 

Wenn man jemanden angreift, muss man auch sicher treffen. Zu versuchen zu treffen reicht nicht. Denn entweder greift der Gegner im selben Moment auch an, oder er nimmt unseren Angriff an und schlägt zurück.

Ist der Gegner eher ungeschickt, dann blockt er nur. Er bleibt in der Defensive. Aber, darauf sollte man sich lieber nicht verlassen.

 

Es heißt also:

Im Karate gibt es keinen Vorteil durch den ersten Angriff.

Verteidigung ist gleich Angriff.

 

Aber hier kann Reaktion nur dann wirklich schneller sein als Aktion, wenn man entsprechend trainiert hat.

Und nie vergessen: Zanshin.

 

Die folgende Weisheit wird noch an anderer Stelle erwähnt. Im Buch „Karate-Do mein Weg“ beschreibt Funakoshi im Kapitel „Der Geist des Spiels“, dass die Mannschaft die verbissen gewinnen wollte, meist verlor, und die Mannschafft die Spaß am Spiel hatte, meist gewann.

Diese Regel ist mit Regel Nr. 15 verbunden:

Denke nicht ans Gewinnen. Doch denke darüber nach, wie man nicht verliert.

Funakoshis Karate war für die Selbstverteidigung gedacht; nicht für den Angriff.

Das war eine wichtige Regel für seine Schüler und für seine Karate-Nachfolger.

 

Regel Nr. 3

Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.

 

空手は 補け.

... Rechtes Handeln; Gerechtigkeit

 

Mich hat die Bezeichnung „Gerechtigkeit“ etwas irritiert. Denn Gerechtigkeit ist etwas sehr weites und sehr großes. Wenn man es aber mehr in „rechtes Handeln“ erklärt, dann wird es schon klarer. Und man kommt mehr in die Denkweise des Meisters hinein.

Wenn man heute 1000 Leute fragen würde, was Karate ist, bekäme man die Unterschiedlichsten Antworten, nur nicht diese.

Und auch hier muss man wieder fragen, was für ein Karate der Meister meinte.

Heute haben wir Sportkarate, Breitensport-Karate, Wettkampfkarate, Kampfkunst-Karate, Traditionelles-Karate usw. Da könnte man vieles aufzählen.

Nun müssen wir das Karate, das der Meister meinte, mit „rechtem Handeln“ verbinden. Und wir müssen die Zeit verstehen, aus der diese Weisheit stammt.

Was sagt ein Meister wie Funakoshi seinen teilweise übermütigen Schülern, um sie auf seinen richtigen Weg zu bringen?

Er muss sie bremsen. Er muss ihren Übermut zügeln und er muss ihnen klar machen, dass sein Karate nicht dazu gedacht ist, um Unfug zu treiben.

Dass sich nicht jeder daran gehalten hat, ist den Geschichtsforschern des Karate durchaus bekannt.

Gerechtigkeit ist ein schönes und großes Wort. Das Wort ist viel zu groß, für das defensive Karate eines kleinen Bürgers.

 

Aber gehen wir mehr in die Richtung rechten Handeln.

Karate ist ein Helfer des rechten Handelns, oder des rechten Verhaltens.

·         Diese Weisheit war für seine Schüler gedacht.

·         Sie war für ihr Leben gedacht.

·         Sie war für ihre Charakterbildung gedacht.  

·         Sie war auch als Bremse für ihre oftmals übermütige Kampfbereitschaft gedacht.

Gerechtigkeit suchen die Menschen seit tausenden von Jahren. Doch die Helfer der Gerechtigkeit sind oftmals nicht gerade in der Überzahl.

·         Diese Weisheit sagt aus, dass Karate etwas Gutes ist.

·         Sie sagt aus, dass Karate nicht für Straßenräuber gedacht ist.

·         Sie sagt auch aus, dass nicht jeder Karate lernen darf.

 

Mit dieser Weisheit wollte der Meister seine Schüler auf den rechten Weg bringen. (rechtes Verhalten, vernünftiges Verhalten, gerechtes Verhalten)

 

So sah es der Meister, wenn er diese Weisheit an seine Schüler weiter gab.

Aber leider wurde diese Weisheit nicht verstanden. Die Weisheit des Meisters wurde ignoriert und missbraucht.

 

Wissen dass es diese Weisheit gibt, ist eine Sache. Verstehen was sie bedeutet, eine andere. Sie aber auch zu leben, ist sehr schwer.

Regel Nr. 4

 

Erkenne zuerst dich selbst, dann den anderen.

 

先づ自己をれ而して他を.

... Verstand, Weisheit

Diese Regel des Meisters ist mitunter eine der schwersten Regeln. Man denkt vielleicht, sie wäre leicht zu verstehen. Aber das ist sie nicht.

Diese Regel besteht aus zwei Teilen. Der zweite Teil ist etwas einfacher zu verstehen und umzusetzen. Andere zu erkennen, fällt uns etwas leichter. Aber sich selbst zu erkennen ist extrem schwer.

Diese Regel besagt aber auch, dass man erst sich selbst erkennen muss, um den anderen richtig einschätzen zu können.

Jetzt haben wir aber ein sehr großes Problem: Es ist extrem schwer, sich selbst zu erkennen. Es ist wirklich sehr schwer.

Es gibt Leute, die wollen sich nicht filmen oder fotografieren lassen. Sie denken, dass sie auf den Bildern schlecht aussehen. Das ist so, weil sie ein anderes Bild von sich im Kopf haben. Wenn es keine Spiegel oder Fotoapparate gäbe, dann wäre die Selbsterkennung noch schwieriger. Denn das Bild, das wir von uns selbst im Kopf haben, ist nun mal etwas anders als die Wirklichkeit es zeigt. Darum hatten Porträtmaler im Mittelalter bestimmt einen schweren Job. Sie mussten dem Bild nahe kommen, wie der Adelige sich selbst sah.

Wenn wir uns selbst erkennen sollen, dann müssen wir imstande sein, als neutraler Zuschauer auf unser eigenes Leben, unser Handel und unser Daseins zu blicken. Aber wir sehen nur die Welt um uns herum. Wir erkennen nur den anderen. Wir erkennen das, was um uns herum passiert. Wir erkennen auch das, was mit uns passiert. Aber wir sehen nicht wie wir uns selbst, in dem großen Film des Lebens, bewegen. Es ist so, als würden wir einen Film aus der Sicht eines Darstellers sehen. Wir müssen uns das so vorstellen, als würden wir einen alten Western aus der Sicht von John Wayne sehen; aber wir würden John Wayne selbst während des ganzen Filmes nicht sehen. Oder wir sehen einen Film mit Klaus Kinski. Die Schauspieler wurden nach den Rollen ausgesucht, die verkörpern sollten. Im Leben ist das aber anders. Das Leben formt uns nach eigener Regie. Wir müssen uns, in dem Film des Lebens, selbst sehen und erkennen.

·         Wir müssen erkennen, wie wir auf unsere Umwelt wirken.

·         Wir müssen das Schlechte Bild genau so erkennen, wie das Idealbild.

·         Wir müssen uns so sehen, wie uns unsere Mitmenschen sehen und erkennen.

·         Wir müssen unsere Fehler und unsere Stärken erkennen.

·         Und wir müssen lernen, unser eigenes Handeln aus der Sicht von außen neutral zu beurteilen.

Wir müssen uns selbst erkennen, weil unsere Mitmenschen uns selbst erkennen und einschätzen. Es ist tatsächlich so, dass manchmal unsere Mitmenschen uns selbst schneller einschätzen können, als wir uns selbst. Aber so entstehen auch Vorurteile. Aber unsere Mitmenschen sagen uns auch nicht immer, was sie wirklich von uns denken. Ihre Gedanken sind oft anders, als ihr Lächeln.

Um einen anderen Menschen richtig und ehrlich einschätzen zu können, muss man erst selbst bei sich anfangen. Nur dann kann man wirklich lernen, andere Menschen einzuschätzen. Die Frage ist also, wie man das alles macht.

Man braucht Herz. Man braucht Ruhe. Und man braucht Meditation.

Erkenne zuerst dich selbst, dann den anderen. Man kann den anderen nicht gerecht und richtig beurteilen, wenn man seine eigenen Fehler nicht sieht und erkennt. Die Frage ist also, was für ein Bild wir selbst von uns haben; und wie wir wirklich sind.

1.      Wen sehen wir in uns?  

2.      Und wie sehen uns die anderen Menschen.  

3.      Wer sind wir wirklich.

·         Ist es John Wayne?

·         Ist es Klaus Kinski?

·         Ist es Charly Chaplin?

·         Ist es ein Herrscher

·         Ist es ein Star?

·         Ist es ein Versager?

·         Ist es ein Angeber?

Wen würden wir im Film unseres Lebens erkennen, wenn man ihn uns vorspielt? Was für ein Gefühl haben wir, wenn wir uns selbst in Filmaufnahmen sehen?

Es ist sehr schwer, sich selbst zu erkennen. Denn man muss es aus einer neutralen Sichtweise heraus tun. Wer kann das? Die wenigsten Menschen auf der Welt können das. Denn wir sind zu sehr Programmiert. Wenn man sich selbst erkennen will, muss man sich von seiner religiösen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Programmierung befreien.

Es ist schwer; sehr schwer. Ja es ist sogar extrem schwer. Und trotzdem ist es notwendig. Wir müssen lernen uns selbst zu erkennen. Denn wir urteilen ständig über andere; aber nur sehr selten über uns selbst. Wir werfen anderen Menschen Fehler vor, die wir selbst machen.

„Erkenne zuerst dich selbst, dann den anderen“.

Es ist fast unmöglich; aber nur fast.

...

Der aus Büchern erworbene Reichtum fremder Erfahrung heißt Gelehrsamkeit. Eigene Erfahrung ist Weisheit.

Gotthold Ephraim Lessing

deutsche Dichter 1729 - 1781

...

Eigene Erfahrung. Das ist es, was man mit Karate verbinden kann.

Neulich bekam ich mit, wie ältere Anwohner einer Seitenstraße über junge Leute schimpften, die mit ihren schnellen Autos durch die Gegend rasen, und dort hin und wieder „abhängen“. Die Diskussion im Internet schien aus dem Ruder zu laufen, als sich ein junger Mann wehrte. Ich konnte vermitteln, als ich schrieb, dass ich früher selbst so war, aber Glück hatte, dass mir das Geld für ein solches Auto fehlte. Und schon wurde die Diskussion ruhiger.

Wenn man sich selbst kennt, kann man andere besser verstehen und Kriege und Auseinandersetzungen vermeiden.

So einfach ist das.

Zuletzt ein Sprichwort unbekannter Herkunft:

Wenn man mit dem Finger auf andere Menschen zeigt, zeigen drei Finger auf dich selbst zurück.

Regel Nr. 5

 

Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.

 

技術より心術.

技術 Die Kunst der Technik

より ausgehend von

心術 der Kunst des Geistes.

 

Geistesschulung ist wichtiger als Technik.

Ich formuliere es so: Die Technik ist immer ein Produkt des Geistes.

Diese Regel versteht man offenbar erst dann, wenn man über einen Erfahrungsschatz verfügt, der langjähriges Forschen und Nachdenken beinhaltet. Sie ist wirklich schwer zu verstehen.

Diese Regel beinhaltet wieder zwei Punkte.

Einerseits ist die Rede von „der Kunst der Technik“.

Andererseits von „der Kunst des Geistes“.

Die Kunst der Technik, ist die Perfektionierung und die Beherrschung der Technik und deren gesamter Bewegungsablauf. Wir erlernen diese Technik, und noch einige andere dazu. Doch was wir machen, ist irgendwie seelenlos. Wir lernen die Techniken sogar ab und zu mit Partner, nach vorgegebenen Abläufen. Wir sind sogar gut darin. Die Techniken sehen wirklich gut aus. Doch sie sind irgendwie seelenlos.

Was haben wir falsch gemacht? Was fehlt da? 

Ich möchte es einmal so formulieren: Wir haben den Kopf voller Geschichten. Wir könnten Romane schreiben. Doch wir wissen nicht wie. Wir beherrschen die „Technik des Roman-Schreibens“ nicht.

Dann reicht es nur zum Geschichten- oder Märchenerzählen.

Wenn wir aber die Technik beherrschen, dann können wir auch unsere Ideen umsetzen.

Aber was ist, wenn wir die Technik beherrschen, aber keine Ideen haben? Dann ist die schönste Technik sinnlos.

Wir haben die Technik perfektioniert. Aber wir haben „den Grund der Technik“ nicht intensiv genug bearbeitet. Vor lauter Perfektionierung der Technik, haben wir die geistige Perfektionierung der Technik vergessen. Wir haben die Technik eingeengt. Wir haben ihr einen Namen gegeben und sie festgelegt. Eine Technik lebt aber von ihrer Vielseitigkeit, ihren Veränderungen, ihrem Spielraum und ihren Anwendungsmöglichkeiten. Eine Technik die man macht ohne sich dabei etwas vorzustellen, ist sinnlos.

Es ist so, wie das Erlernen eines Arbeitsvorganges. Wir lernen diesen Arbeitsvorgang so lange, bis er sitzt. Man gebraucht dabei oft die Bezeichnung: „Anlernen“. Wenn man „angelernt“ ist, läuft es dann wie von selbst.

Soweit, so gut. Die Technik fließt von alleine. Man kann am Fließband arbeiten und sich gleichzeitig mit dem Nachbarn über das letzte Fußballspiel unterhalten.

Im Karate jedoch hat diese „Anlernphase“ kein Ende. Das sollte sie jedenfalls nicht. Und doch beenden wir die Anlernphase und gehen zur technischen Perfektionierung über, wenn der Bewegungsablauf sitzt.

Aber genau da liegt das Problem. Wir stehen nicht am Fließband. Die „Anlernphase“ darf nie enden. Wir müssen die Bewegungen immer wieder so üben, als würden wir neu beginnen sie zu erlernen. Und wir müssen es in allen Richtungen üben. Dabei müssen wir vor allem die „links-rechts Symmetrie“, die Bewegungskoordination und die Ambidextrie (Beidseitigkeit) beachten.

Letztendlich wird durch diese Übung, die Reaktionsfähigkeit trainiert. Denn die schönste Technik nützt nichts, wenn man die Reaktionsfähigkeit der erlernten Technik irgendwo hinten anfügt.

Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.

Die Lernphase darf niemals enden.

Die Technik ist immer ein Produkt des Geistes.

Wenn der Geist versagt, nützt die schönste Technik nichts. Darum ist es wichtig, Kata nicht nach Schönheit, sondern immer nach Funktion zu trainieren. Und man muss ihr Spielraum lassen. Wir stehen nicht am Fließband. Wir lernen immer wieder Bewegungsabläufe. Wir lernen sie mit dem Geist; mit dem Verstand. Natürlich muss man die Technik auch beherrschen. Sie muss aber genau dann funktionieren, wenn sie gebraucht wird. Und das in Sekundenschnelle.

Diese fünfte Regel ist sehr alt. Und dennoch wird sie oftmals nicht richtig verstanden oder richtig umgesetzt. Manchmal erkennt man es in einem Kampf. Wer da die Technik in der Kampfstellung großartig präsentiert, der hat, gegen einen erfahrenen Gegner, schon so gut wie verloren.

Zitat:

Die Kamae ist formlos und die Abwehr ist formlos. Man muss sich immer im Zustand der Bereitschaft befinden und sich aus jeder Position, gleich was man gerade tut, verteidigen können. In einem echten Kampf ein Kamae einzunehmen, bedeutet die sichere Niederlage. Die angewendeten Techniken müssen spontan und natürlich sein und nicht vorher überlegt.

KANESHIMA SHINSUKE

Quelle: http://www.kusunoki.de/meister/kaneshima_shinsuke.html

Diese Regel ist mit Regel Nr. 17 verbunden.

Die Kampfstellung (Kamae) ist für den Anfänger wichtig; später wird die Stellung dann ganz natürlich. (Shizentai)

 

Im Zustand der Bereitschaft“ kann man sich nur befinden, wenn der Geist über die Technik herrscht; und nicht umgekehrt. Das funktioniert nicht.

Wenn ein „Kung Fu Mann“ dem Gegner den „Affen-Stil“ präsentiert, hat er schon verloren. Er darf den Stil nicht dem Gegner präsentieren; er muss ihn nur für sich selbst verinnerlichen.

Ein Vergleich, der vielleicht irgendwie beschreibt, wo das Problem liegt.

Zwei wissenschaftliche Studenten haben derzeit etwa gleiche Ergebnisse und gleiche Leistung vorzuzeigen.

Der eine Student kann sich alles leicht merken. Er ist jemand, der ein Buch liest und dann genau weiß was darin steht. Im Karate würde man sagen, dass er die schönsten Grundschultechniken macht, und die schönsten Kata läuft.

Der andere Student kann nur vernünftig lernen, wenn er zuerst tief in den Grundlagen forscht und diese versucht besser zu verstehen. Er braucht später etwas länger, aber er entwickelt sich mit der Zeit besser. Seine bessere Grundlagenforschung macht sich im späteren Leben bezahlt.

Lernen wir nur unsere Tätigkeit am Fließband, oder lernen wir auch, was wir überhaupt machen.

Die Technik ist immer ein Produkt des Geistes. Es ist unsere Sache, wie wir damit umgehen.

Funakoshi Sensei sagt, dass die Kunst des Geistes, vor der Kunst der Technik kommt.

Der beste Schriftsteller ist erfolglos, wenn er nicht gelernt hat, seine Fantasie zu nutzen.

Der beste Maler ist erfolglos, wenn er nicht erkennt, was er malen kann.

Der beste Karateka ist im Ernstfall erfolglos, wenn er nicht verstanden hat, wie er seine Kunst anwenden kann.

Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik

Die Technik ist immer ein Produkt des Geistes.

Der Geist herrscht über die Technik. Und der Geist bestimmt, wann und ob wir sie einsetzen. Umgekehrt darf es nicht sein.

Jetzt muss man nur noch an einem friedvollen Geist arbeiten. Dann passt es. Denn ohne diese „friedvolle Arbeit des Geistes“ funktioniert diese gesamte fünfte Regel nicht. Das ist die Grundvoraussetzung, dass man das überhaupt verstehen und umsetzen kann.

 

 

Regel Nr. 6

 

Lerne deinen Geist zu kontrollieren und befreie ihn dann.

 

心は放たん事を要す.

  Herz; Gemüt; Seele; Geist;  Gefühl;  Sinn

 

The mind must be set free.

Befreie deinen Geist.

 

Wenn da steht, dass man seinen Geist befreien soll, dann ist der Geist offenbar gefangen. Aber wie?

Nun, dazu müssen wir in uns selbst tief hinein horchen. Unser Gehirn arbeitet ununterbrochen. Wir denken stets über irgendetwas nach. Wir halten sogar manchmal Selbstgespräche. Es ist schwer, die innere Ruhe zu finden. Es ist unmöglich, wenn es uns nicht bewusst wird, dass wir diese innere Ruhe nicht haben; und wenn der Tag noch so lang ist. Ständig sind wir mit etwas beschäftigt. Wir werden ständig von außen beeinflusst. Und da es sehr viele Menschen gibt, die diese innere Ruhe auch niemals finden, werden wir gerade von diesen Menschen oftmals auf einen unruhigen Weg geführt. Und unser „kleiner Mann im Kopf“ arbeitet ständig und ununterbrochen. Und er flüstert uns den ganzen Tag etwas zu. Er überhäuft uns mit Daten, die wir eigentlich nicht brauchen und die eher schädlich für uns sind.

·         Wir passen auf, wie wir uns ernähren.

·         Wir passen auf, wie wir uns bewegen.

·         Wir geben auf Sauberkeit acht.

·         Wir geben auf unsere Gesundheit acht.

 

Aber was ist mit unserem Geist?

·         Passen wir auf, was er aufnimmt?

·         Passen wir auf, wer uns füttert?

·         Passen wir auf, was gut für uns ist und was nicht?

·         Geben wir auf die „geistige Ernährung“ acht?

Ist uns eigentlich bewusst, dass wir oftmals zu viel „Geistiger Fast Food“ zu uns nehmen? Das heißt, dass wir zu oft schnelle Meinungen aufnehmen, ohne zu kontrollieren, wie diese Meinung auf unsere Gesundheit wirkt. Ja, es ist wie beim essen. Wir passen auf was wir essen. Wir essen aber oftmals im geistigen Bereich jeden Müll.

Unbewusst nehmen wir negatives auf, wie eine schnell zubereitete Speise an einem Stand, der durch jede Gesundheitskontrolle fallen würde. Wir saugen schlechtes auf, weil es uns fasziniert. Aber das Gute lassen wir unerkannt liegen.

 

Winston Churchill sagte einmal:

„Gelegentlich stolpern die Menschen über eine Wahrheit. Aber sie richten sich auf und gehen weiter, als sei nichts geschehen.“

 

So ungefähr läuft es mit den positiven Einflüssen des Geistes.

Wir müssen uns befreien vom Negativen. Wir müssen lernen, den „kleinen Mann im Kopf“ zu kontrollieren, und wir müssen lernen ihn auch einmal zum Schweigen zu bringen. Denn wenn er redet, dann redet er was er will, und er redet oftmals ununterbrochen. Er wiederholt alles was er aufgenommen hat, und er dichtet neues hinzu. Er schaukelt es hoch. Da wir aber mehr von negativem, als vom positiven beeinflusst werden, müssen wir dem „kleinen Mann“ einmal den Mund verbieten.

Kontrolliere deinen Geist! Aber ihn zu befreien, ist schon etwas schwerer.

Denn wir müssen lernen, alles Negative von uns fern zu halten. Wir werden täglich beeinflusst. Wir lesen täglich Presseberichte die von Menschen handeln, denen schlechtes nachgesagt wird. Diese „schlechten Menschen“ wiederum, hetzen zurück.

So wird hin und her gehetzt, und unser „kleiner Mann im Kopf“ nimmt das alles auf. Er hetzt gerne mit. Und er arbeitet den ganzen Tag, ununterbrochen. Es ist schwer, ihn einmal für eine halbe Stunde zum Schweigen zu bringen.

Diese alte Weisheit besagt, dass wir das alles kontrollieren sollen.

·         Wir sollen kontrollieren, was wir „geistig essen“.

·         Wir sollen erkennen und kontrollieren wer unser Geist füttern will.

·         Wir sollen kontrollieren, was uns täglich vorgesetzt wird.

·         Wir sollen kontrollieren, was gut für uns ist, und was schlecht für uns ist.

Und dann sollen wir uns davon befreien. So sagt es diese alte Weisheit.

Denn es ist wie beim essen. Wenn wir schlechtes Essen, werden wir krank.

Wenn wir geistig immer schlechtes aufnehmen, macht uns das auch krank.

Dabei muss man beachten, dass diese geistig schlechte Ernährung, auch auf andere Menschen wirkt. Denn sie ist ansteckend. Sie verbreitet sich wie eine Epidemie. Und sie kommt immer wieder auf uns zurück.

 

Wer in Frieden leben will, muss auch Friede säen. Das ist eine der wichtigsten inneren Einstellungen, wenn wir einer Auseinandersetzung nicht mehr ausweichen können. Unser Gegenüber spürt unseren Charakter.

·         Und das kann uns stark machen

·         Oder es macht uns aggressiv

·         Oder es macht uns schwach

·         Oder es macht uns auf eine gewisse Art selbstsicher.

Letzteres ist die beste Art, eine Auseinandersetzung, wenn möglich, zu verhindern. Heute nennt man das Gewaltprävention. Es war also alles schon einmal da. Man muss nur genau hinschauen. Und man muss sich damit befassen. Denn teilweise sind die alten Weisheiten schwer zu verstehen.

Lerne was gut und schlecht für dich ist, und befreie dich von dem Negativen.

 

Füttere nicht den bösen Wolf! Füttere den guten Wolf.

http://www.zeitzuleben.de/welchen-wolf-fuettere-ich/

 

 

 

 

Regel Nr. 7

 

Unglück geschieht immer durch Unachtsamkeit.

 

禍は懈怠に生ず.

 

Übermut, Leichtsinn, Unbekümmertheit, Tollkühnheit, Waghalsigkeit, das sind keine guten Begleiter im Karate, und auch nicht im Leben.

Achtsamkeit, Besonnenheit, Klugheit, Wachsamkeit, Aufmerksamkeit, Sorgfalt; das sind die guten Begleiter im Karate und auch im Leben.

Im Leben kommt oftmals das zurück, was man ausgeteilt hat. Wenn man mit dem schnellen Auto durch die Wohnsiedlung Rennen fährt um anzugeben, muss man damit rechnen, dass man ein Leben lang mit dem herbei provozierten Unglück leben muss.

Achtsamkeit ist vielleicht anstrengender als Unbekümmertheit. Aber es zahlt sich immer irgendwann aus. Den Lohn erkennen wir nicht immer. Wir können nur vermuten, was hätte passieren können.

Den Lohn der Unachtsamkeit bekommen wir hingegen meist auf eine sehr unangenehme Weise präsentiert.

Im Karate ist es wichtig Unglück zu vermeiden. Es betrifft uns selbst genau so, wie unsere Trainingspartner. Jeder trägt die gleiche Verantwortung für sich selbst und für andere.

Leider kommt diese Erfahrung oftmals erst mit den fortgeschrittenen Jahren.

Gerade im Karate werden wir hin und wieder mit Übermut, mit Aggression, mit verwegener Kampfeslust oder auch mit unkontrolliertem und unbekümmert heißem Temperament konfrontiert.

Unglück geschieht immer durch Unachtsamkeit.

„Na ja, soll doch der Gegner besser aufpassen“. So denken viele, wenn sie zeigen wollen was sie können, oder wenn sie unsicher sind und die eigene Angst sie wild nach vorne treibt. Oder wenn sie nicht fähig sind, auch einmal etwas einstecken zu müssen. Oder wenn sie unbedingt zeigen müssen was sie drauf haben.

Achtsamkeit ist wichtig im Karate und im gesamten Leben. Man kann 1000 Mal Achtsam sein; eine Unachtsamkeit kann alles zerstören.

Das Unglück steht immer irgendwo in den Startlöchern bereit. Im Dojo, auf der Straße, im Straßenverkehr, im Haushalt, auf der Arbeit; einfach überall.

Darum ist Besonnenheit so wichtig. Erst Gelassenheit und ein Lächeln mehr, machen einem Menschen wirklich groß. Die Faust auf die Nase ist da eher der falsche Weg.

Unglück geschieht immer durch Unachtsamkeit.

Achtsamkeit hat auch etwas mit Respekt zu tun. Und so verbinden wir diesen Leitsatz, mit dem ersten.

Karate-Do beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.

Unglück geschieht immer durch Unachtsamkeit.

Glück geschieht durch Achtsamkeit; wenn man es auch nicht immer sieht oder wahrnimmt.

 

 

 

Regel Nr. 8

 

道場のみの空手と思うな.

道場   Dojo

のみの … nur,

空手  … Karate

と思うな  Glaube nicht

 

Dojo nomi no karate to omou na.

Dōjō nomino Karate to omou na

Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet.

 Karate goes beyond the dojo

 Karate geht über das Training hinaus.

 

Und auch hier muss man darüber nachdenken, was für ein Karate der Meister meinte.

Für ihn war Karate mehr als nur Breitensport oder Wettkampfsport. Er hatte auf Okinawa noch unter uns völlig inakzeptable Umstände trainiert. Er hatte eine uns unbekannte Karate-Erziehung genossen. In Okinawa war damals das Karatetraining etwas anders. Und auch der Wert und die geistige Einstellung waren anders als heute.

Dann muss man noch bedenken, dass Funakoshi ein sehr gebildeter Mann war.

Wir reden hier also von seinem Okinawa-Karate.

Und nun gehen wir einmal davon aus, dass wir nicht beim ersten Erfolg hängen bleiben, sondern dass wir weiter suchen, weiter finden, weiter erfinden und weiter kommen.

Karate wurde ein Teil von unserem Leben. Jeder hatte sich entsprechend verändert.

·         Vielleicht wurden einige selbstsicherer.

·         Vielleicht verbesserten sich die Motorik und die Bewegungskoordination.

·         Vielleicht förderte Karate unsere Gesundheit.

·         Vielleicht förderte es unseren Umgang mit Menschen.

·         Vielleicht war es sogar hilfreich im Beruf.

Karate kann also auch außerhalb des Dojos sehr hilfreich sein.

Aber Karate ist nicht nur körperliches Training. Karate ist auch geistiges Training. Man muss sich mit vielen Dingen befassen, wenn man wirklich auf diesem Niveau denken will. Karate findet auch außerhalb des Dojos statt. Dieses Buch, das hier gerade geschrieben wird, ist ebenfalls ein kleiner Teil davon. Karate besteht nun einmal – so wie alles auf der Welt – aus Theorie und Praxis. Beides gehört immer zusammen. Eines kann ohne das andere nicht existieren. Man muss immer den Verstand einschalten, wenn man die Praxis nutzt. Man kann sich also auch außerhalb des Dojos mit Karate beschäftigen.

·         Man kann außerhalb des Dojos Techniken erproben und trainieren.

·         Man kann sich mit den geistigen Themen befassen.

·         Man kann sich mit den Hinterlassenschaften großer Meister beschäftigen.

·         Man kann Kata-Training machen.

Man kann eigentlich Karate jeden Tag nutzen, wenn man es verstanden hat. Und da kommt es darauf an, welches Karate jeder lebt.

Lebt er ein aggressives Karate? Oder eher ein Karate nach den Lehren des Meisters Funakoshi?

Was man austeilt kommt immer irgendwo und irgendwann zurück.

 

Wenn man Karate trainiert, dann trainiert man nicht etwas, was im Dojo zurückbleibt, wenn wir es verlassen. Oh nein.

Wenn wir Karate trainieren, dann verlässt es mit uns das Dojo und es kehrt mit uns wieder ins Dojo zurück.

Es hängt also von unserem Verständnis ab, welches Karate wir aus dem Dojo mitnehmen.

Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet.

Nein, Karate wird nicht nur fürs Dojo erlernt. Es begleitet uns im Leben.

·         Unsere Freunde wissen, dass wir Karate machen.

·         Unsere Arbeitskollegen wissen, dass wir Karate machen.

·         Unsere Familie weiß, dass wir Karate machen.

·         Unsere Nachbarn wissen, dass wir Karate machen.

·         Und sogar unsere Kontrahenten, Konkurrenten oder Rivalen  wissen, dass wir Karate machen.

Jeder weiß es. Karate bleibt nicht im Dojo zurück, wenn wir es verlassen. Es begleitet uns durch unser ganzes Leben. Dabei ist es irrelevant, was wir selbst unter Karate verstehen. Leider spielt die falsche Vorstellung von Karate der eben genannten Personen, eine nicht minder große Rolle. Und es ist unsere Sache, wie wir damit umgehen, oder wie wir reagieren, wenn wir damit konfrontiert werden.

 

Wenn man Karate lernt, dann lernt man es fürs Leben; nicht fürs Dojo.

Das muss jedem bewusst sein, wenn er damit anfängt.

Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet.

 

 

Regel Nr. 9

 

空手の修行は一生である.

Karate no shugyo wa issho de aru.

Training von Karate ist ein Leben lang.

 

 a) Karate üben heißt, ein Leben lang arbeiten. Darin gibt es keine Grenzen.

b) Die Ausbildung im Karate umfasst Dein ganzes Leben.

Karate is a lifelong  pursuit

Karate ist eine lebenslange Aufgabe.

 

Den Zusatz „Darin gibt es keine Grenzen“ ist frei erfunden. Er wurde einfach so hinzugefügt. Dennoch ist es ein genialer Zusatz. Denn er unterstreicht den Sinn dieser Weisheit.

 

Jetzt muss man etwas ins Detail gehen. Denn wieder einmal müssen wir wissen, welches Karate der Meister meinte. Und wir müssen wissen was er meinte.

Man stelle sich einmal vor, man wird irgendwo zu einer Veranstaltung eingeladen. Zum Essen gibt es fantastische Suppengerichte. Sie haben noch nie so tolle Suppen gegessen. Sie sind begeistert.

Eine eventuelle Gegeneinladung sieht bei ihnen dann jedoch etwas anders aus. Sie lassen sich etwas anderes einfallen. Sie werfen ihren Gartengrill an und es gibt tolle Grillspezialitäten.

Später kommen sie wieder zu diesem Fest, und es gibt wieder diese fantastischen Suppen. Allerdings finden Sie das jetzt doch etwas eintönig. Von einem Freund erfahren Sie dann, dass der Koch nur Suppen kochen kann. Er hat nie etwas anderes gelernt. Aber im „Suppe kochen“ ist er richtig gut.

 

Und genau das machen wir oftmals im Karate, wenn wir ein Leben lang eine Perfektion anstreben, die uns nicht ans eigentliche Ziel bringt. Vielerorts trainieren wir immer nur das Selbe. Dabei bleiben wir beim Suppe kochen stehen und sind nicht einmal fähig, ein halbwegs vernünftiges Schnitzel hinzubekommen. 

·         Wir üben immer nur die gleichen Grundtechniken aus dem Kihon. Aber wir wissen nicht was ein Mawashi-Uke ist, oder was man damit machen kann. Und wir üben es sehr oft; also ohne Gegner.

·         Wir üben immer wieder die Kata nach Perfektion und Schönheit. Aber es mangelt etwas an unserer Vorstellung, was die Werkzeuge alles können, die darin enthalten sind. Wir haben Werkzeuge in der Garage, die bei Weitem nicht jeder hat; aber wir wissen nicht so richtig, was man damit alles machen kann, und wie man damit umgeht. Aber es sieht toll aus, wenn wir sie in Händen halten und anderen zeigen.

·         Wir üben Kumite nach Vorgaben und Absprache. Wir machen Trockenübungen mit unseren Skiern. Dann werden wir auf die 2000 Meter hohen Skipiste geschickt, mit dem Gruß und den Worten: „Wir sehen uns dann unten, an der Station“. Aber die Trockenübungen haben wir 10000 Mal geübt.

All das muss uns bewusst sein, wenn wir dieses Zitat deuten wollen.

Wer sich selbst Grenzen setzt, wird niemals das erreichen, was er ursprünglich erreichen wollte.

Ein Maler muss alles können. Es reicht nicht, wenn er der Beste im Anstreichen von Wänden ist, aber keine Tapete an die Wand bekommt. Man muss sich im Leben immer eine gewisse „Fehlertoleranz“ gönnen. Sonst tritt man ewig auf der Stelle.

Man setzt sich Grenzen.

Wenn man sich aber selbst keine solchen Grenzen setzt, dann kann man auf eine Entdeckungsreise gehen, an der man ein Leben lang Spaß hat. Denn man entdeckt immer wieder neues. Man entdeckt Dinge, die sogar unseren ursprünglich kleinen Fehler verbessern.

Es bringt uns also nicht weiter, eine Perfektionierung im „Suppe kochen“ anzustreben, wenn man dann im Großen und Ganzen ein schlechter Koch bleibt. Es bringt nur den Köchen etwas, die Konkurrenten fürchten.

Darin gibt es keine Grenzen“.

Das muss man erst einmal verstehen. Wer sich immer wieder selbst Grenzen setzt, kommt nicht weiter.

Von der Trockenübung an den Berghang der Schüler. Von dem Berghang der Schüler auf die erste unterste Stufe der Skipiste.

Auch wenn Sie jetzt nicht fahren wie ein Olympiasieger; sie dürfen auch ganz nach oben. Und später sogar auf die 2000 Meter Piste. Sie werden nie einen Olympiasieg im Skifahren erringen. Und Sie werden seine Perfektionierung niemals erreichen. Aber ihre Fahreigenschaften verbessern sich trotzdem immer weiter; weil Sie denselben Hang hinunter fahren, wie der Olympiasieger.

Wenn sie sich aber auf der Schülerpiste extrem hohe Anforderungen stellen, werden Sie zusehen müssen, wie andere immer besser werden, und ihre angestrebte Perfektion wird niemals befriedigend erreicht werden. Denn Sie sind nun mal kein Olympiasieger.

Karate üben … Ein Leben lang arbeiten … Keine Grenzen …

Nun muss man aber sagen, dass diese Weisheit „Tausend Jahre am Idiotenhügel üben“ leider sehr japanisch ist, und sogar von Gichin Funakoshi in seinem Buch „Karate-Do Mein Weg“ – im Kapitel „Sechs Regeln  - lobgepriesen wird.

Wenn wir so arbeiten würden, dann würde schon die Mehrheit unserer Kinder in unseren Schulen, die Grundschule nie verlassen. Und nur ein sehr kleiner Teil der Erwachsenen würde im Handwerk ihre Gesellenprüfung bestehen. Und nur die Allerbesten würden das Abitur bestehen und könnten studieren. Alles andere würde die Perfektion des richtigen Haltens des Füllfederhalters üben.

Außerdem widerspricht diese Ansicht Regel Nr. 20

Es kommt also immer darauf an was wir üben, und wie wir es üben. Wichtig für uns ist aber, – und diese Wahrheit kann man immer aus dieser Regel ziehen – dass wir niemals selbstsicher sind und meinen, dass wir alles wissen und alles können.

Karate ist eine lebenslange Aufgabe. Es gibt immer etwas zu entdecken oder zu trainieren.

 

Regel Nr. 10

 

凡ゆるものを空手化せ其処に妙味あり.

空手    Karate

妙味  Reiz, Charme, Zauber

精神的な成熟度 … „geistige Reife“ ist im Original nicht vorhanden.

Ara-yuru mono wo karate-ka seyo, soko ni myo-mi ari.

a) Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du geistige Reife erlangen.

b) Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, das ist der Zauber der Kunst.

c) Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du Myo (Leben) finden.

Apply the way of karate to all things. Therein lies its beauty

Wende Karate auf alle Dinge an. Daran liegt seine Schönheit.

 

Dieses Zitat trifft mit Sicherheit nicht auf jedes Karate zu. Aber das Karate des Meisters kann man so verstehen.

·         Da ist die Rede von Respekt.

·         Da ist die Rede von Zielstrebigkeit.

·         Da ist die Rede von Selbsterkenntnis.

·         Da ist die Rede von Gerechtigkeit.

·         Da ist die Rede von der Kunst des Geistes.

·         Da ist die Rede von Achtsamkeit.

·         Da ist die Rede von Lebenserfahrung.

·         Da ist die Rede von einem natürlichen Verständnis.

 

Das Karate von Gichin Funakoshi war weitaus mehr, als das was man heute darunter versteht. Aber diese Standpunkte verlangen ein großes Maß an Weisheit und Lebenserfahrung. Wobei man sich immer fragen muss wie das ist, mit dem: Wissen, Verstehen, Umsetzen.

 

Wer sich heute mit etwas mehr beschäftigt, als mit dem üblichen Karatetraining im Dojo, der lernt, wie man Gewalt zu vermeiden versucht, oder wie man ein selbstsicheres Auftreten erlernt.

Aus dem Karate kann man ins alltägliche Leben Eigenschaften mitnehmen, die durchaus hilfreich sind.

·         Der Umgang mit Kollegen.

·         Der Umgang mit einem Partner.

·         Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung.

·         Selbstüberwindung.

·         Zielstrebigkeit.

·         Ruhe und Gelassenheit.

·         Gewaltprävention

 

Eigenschaften die man mit den Jahren im Dojo lernt und sich aneignet, kommen uns im Leben zugute. Auch die immer wiederkehrenden Herausforderungen machen einen Karateka stärker und ruhiger.

Und Ruhe und Gelassenheit sind wichtige Grundvoraussetzungen, um geistige Reife zu erlangen.

 

Wir werden im täglichen Leben immer mit Karate konfrontiert.

Man fragt uns, welchen Gürtel wir haben oder welche Erfolge wir erzielt haben. Man will wissen, wie gut oder wie schlecht wir sind. Und man misst uns an unserem Supermanncape. Das eigene Supermanncape haben sie nicht erkannt. (Keine Selbsterkenntnis) Aber sie messen uns nach ihren „Bruce Lee Vorstellungen“.

 

Im Dojo lernen wir damit umzugehen. Im Täglichen Leben kann man das auch. Dabei spielt die Charakterbildung und die Ruhe und die Gelassenheit eine sehr große Rolle.

Wer sich nicht auf die Piste begibt, kann nicht Skilaufen lernen. Im Dojo werden wir oftmals mit Übermut, mit Geringschätzung, mit Herausforderungen oder mit Kritik konfrontiert.

Was man da mit den Jahren lernt, kann im Leben hilfreich sein.

Ruhe und Gelassenheit sind die Grundpfeiler um geistige Reife zu erlernen.

Und dazu ist Karate gut. Wir nehmen es mit ins tägliche Leben. Wenn man es versteht, kann man die Vorteile des Karate im ganzen Leben erkennen und wertschätzen. Es kann uns helfen! Und man wird die Magie der Karate-Kunst auch im täglichen Leben erfahren, spüren  und anwenden können.

 

 

 

 

Regel Nr. 11

 

空手は湯の如く絶えず熱を与えざれば元の水に返る.

Karate wa yu no gotoshi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru.

a) Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig warm hältst.

b) Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig wärmst.

Karate is like boiling water, without heat it returns to its tepid state

Karate ist wie kochendes Wasser: Ohne Hitze fällt es in einen lauwarmen Zustand zurück.

 

Jetzt müssen wir in den Zirkus, zu den Artisten. Karate ist eine Kunst. Und es ist durchaus vergleichbar mit den Artisten. Zum Beispiel mit den Jongleuren. Je weiter man kommt, umso umfangreicher werden die erlernten Bewegungen. Es kommen immer mehr Techniken hinzu, die man kennen muss, die man verstehen muss, und die man auch können sollte.

Warum trainiert ein Artist jeden Tag?

Warum übt ein Pianist jeden Tag?

 

Sie tun es, weil sie die Bewegungen, die Handhabung und die Fähigkeiten täglich erneuern wollen und müssen.

Wenn sie das nicht tun, dann verlernen sie alles mit der Zeit.  

Ein Mensch, der aus der Schule kommt und dann nur noch wenig bis gar nichts mehr schreibt, der verlernt das Schreiben nach einigen Jahren fast völlig.

Die Übung macht den Meister.

Nun, dieses Sprichwort ist mittlerweile wissenschaftlich etwas umstritten, da es auch, nachgewiesener Weise, um Talent geht. Aber wir sehen es alleine an den Kata. Wenn man die Kata nicht ständig trainiert, ist sie irgendwann weg. Es dauert wieder eine Weile, bis wir sie können.

Das bedeutet, dass das Wasser kalt ist, und wir es wieder aufwärmen müssen.

Es ist immer so im Leben. Es ist so beim Auto fahren, oder bei  einer anderen täglichen Routinearbeit.

Es gibt aber eines sehr wichtigen Punkt in dieser Weisheit, der uns vielleicht gar nicht so bewusst ist.

Wir können nur das warmhalten, was wir aufgewärmt haben.

Ich kann mich nicht auf ein schnelles Motorrad setzen und losfahren; nur weil ich gelernt habe mich sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Ich beherrsche die Maschine nicht.

Darum ist es auch hier wichtig zu beachten, welches Karate der Meister meinte, und welches Karate wir selbst trainieren.

Wir können nur das Wasser warmhalten, das wir selbst aufgesetzt haben.  Alles andere bleibt kalt.

Es gibt Dinge, die man vielleicht nicht verlernt; wie Autofahren oder Schwimmen. Karate ist aber so umfangreich und so anspruchsvoll, dass wir es nicht mit schwimmen oder Autofahren vergleichen können.

Was würde wohl passieren, wenn wir nach 20 Jahren unfallfreiem Autofahren, ohne neue Schulung, eine neue Führerscheinprüfung machen müssten? 

 

Regel Nr. 12

 

勝つ考えは持つな、負けぬ考えは必要.

Katsu kangae wa motsu na makenu kangae wa hitsuyo.

Denke nicht an das Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert.

Do not think of winning. Think rather of not losing

Denke nicht ans Gewinnen, sondern ans Nicht-Verlieren.

 

Ein Zitat, das durchaus gegenteilige Ansichten hat. Teilweise sogar von führenden hochgraduierten Karate-Buchautoren. Manchmal sprechen diese Leute eine ganz andere Sprache. Da ist die Rede vom Killerinstinkt und von dem Gedanken, den Gegner vernichten zu wollen, wenn es darauf ankommt.

Doch was meint der Meister hierzu?

Ein kluger weiser Mann hat einen Gedanken. Diese Gedanken sind nicht wörtlich in seinem Kopf, sondern mehr Bildlich. Er hat eine Vorstellung von etwas oder von einer Situation. Er könnte jetzt diesen Gedanken mit vielen Worten auf einer Lehrgang beschreiben. Aber er hinterlässt nur ein Zitat, das alles umfasst, was sein Gedanke ihm zeigte. Und unter genau diesen Voraussetzungen, müssen wir an dieses Zitat heran gehen.

Im Kopf erscheint ein Gegner. Aber die Absichten dieses Gegners können unterschiedlich sein.

·         Es geht um den Hitzkopf im Dojo.

·         Es geht um den Arbeitskollegen oder Freund, der es wissen will.

·         Es geht um den betrunkenen Freund, der die Kontrolle über sich verliert.

·         Es geht um den Taschendieb.

·         Es geht um den Rüpel

·         Und es geht um die wirklich gefährliche Bedrohung.

 

Jetzt müssen wir erst einmal wissen, wer wir sind.

Ja, das müssen wir zuerst wissen. Wer sind wir?

 

·         Sind wir ein Ringkämpfer? Dann müssen wir gewillt sein zu gewinnen. Es gibt einen Kampfrichter und es gibt Regeln. Man muss gewinnen wollen. Etwas anderes gibt es nicht.

·         Sind wir ein Security-Mann, müssen wir von der eigenen inneren Einstellung her gewillt sein, den Gegner gnadenlos auszuschalten. Wer hier zögert, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

·         Wenn wir beim Militär sind, müssen wir gewillt sein unseren Gegner gnadenlos zu erschlagen. Ohne Kompromisse.

 

Alle drei Bereiche sind sehr risikoreich. Denn ein zurückweichen und nachgeben gibt es in diesen Bereichen eher nicht. Die Kampfbereitschaft ist immer da und wird auch sichtbar.

 

Das Karate, das wir für uns erlernen, ist aber etwas anders. Jedenfalls nach der Meinung dieses gebildeten Meisters. Er versucht einen Kampf erst einmal zu vermeiden. Und so ist auch die innere Einstellung. Und die ist auch sichtbar. Aber es ist auch sichtbar, dass er nicht gewillt ist, zu verlieren.

Das ist eine Grundvoraussetzung, um Selbstverteidigung von Beginn an geschickt einzusetzen.

Wer daran denkt zu gewinnen, der verhält sich auch so. Im Extremfall wird er seinen Gegner erschlagen. Und er wird selbst eine hohe Risikobereitschaft in Kauf nehmen.

Wer nicht daran denkt zu gewinnen, aber auch nicht verlieren will, der hat hinterher vor Gericht – und vor der eigenen Seele – die besseren Argumente.

Nun kommt noch die Weisheit hinzu, dass es im Karate keinen ersten Angriff geben soll.

Man sieht keinen Vorteil darin, und man begibt sich nicht unnötig in Gefahr. Darüber hinaus will man sein Gegenüber nicht unnötig provozieren.

Man nimmt den Angriff an, ergreift die Initiative und verteidigt sich schlagkräftig.

Nichts anderes sagen beide Weisheiten aus.

Man kann einen Kampf nicht vermeiden, wenn man seinen Gegner geistig schon vernichtet hat.

Gichin Funakoshi war ein sehr kluger und weiser Mann. Seine Gedanken, die in ein kleines Zitat gepackt sind, muss man erst einmal verstehen.

Dazu kommt noch seine Lebenserfahrung, die er in seinem Buch „Karate-Do mein Weg“ beschreibt. Dort ist im Kapitel „Der Geist des Spiels“ zu lesen, dass die Mannschaft die verbissen gewinnen wollte, meist verlor, und die Mannschafft, die Spaß am Spiel hatte, meist gewann.

Man soll also seinen Geist unter Kontrolle haben, wenn man nicht verlieren will.

Die Regeln auswendig zu können ist so sinnlos, wie, wenn man eine Kata auswendig kann. Man muss sie auch verstehen.

 

Regel Nr. 13

 

敵に因って転化せよ.

Teki ni yotte tenka seyo.

a) Wandle dich abhängig vom Gegner.

b) Verändere deine Verteidigung gegenüber dem Feind.

Make adjustments according to your opponent

Passe dich deinem Gegner an.

 

Eine ganz einfache Regel. Wenn mich ein Wolf verfolgt, ist der nächste Baum mein.

Es mag witzig klingen, aber es ist so. Es gibt die unterschiedlichsten Gegner und die unterschiedlichsten Situationen.

Will ein Arbeitskollege auf der Gartenparty wissen wie gut man im Karate ist, kann man ihm nicht gleich die Nase blutig hauen.

Ist es ein betrunkener Mann, den wir vielleicht sogar auch irgendwoher kennen, dann wird ihn ein blaues Auge, an dem er ein paar Tage Spaß hat, sicher künftig dienlich sein, wenn er wieder auf Tour ist.

Aber es hat auch etwas mit dem Kampf und dem Kampfstiel zu tun.

Der Gegner kann ein Ringer sein, ein Boxer, ein Schläger, ein sportlich schneller Typ, oder ein Grobian mit dicken Armen. Man muss sich auf jeden Gegner einstellen. Wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Man muss sich von dem „Standard-Karate-Gegner“, der auf der Matte steht, lösen. Das ist nur im Wettkampf so. Und Funakoshi Sensei meinte mit seiner Weisheit bestimmt nicht, wie man in einem Wettkampf gewinnt. So gut müsste ihn jeder kennen. Aber so wird dieser Leitsatz heute oftmals interpretiert und eingeengt.

Die Gegner sind unterschiedlich und vielseitig. Manchmal sind sie sogar bewaffnet.

Kein Gegner kämpft so wie der andere. Aber selten kämpft einer so, wie wir es erwarten oder wie wir es gerne hätten.

Wenn man sich aber mit dem Gegner „wandeln soll“, dann muss unser Karate das auch hergeben.

Und hier kommen wir in einen Konflikt, der seit einigen Jahrzehnten besteht.

Die Säulen des Karate – wie auch immer man sie sieht – bringen uns manchmal dazu, uns selbst auf ein Standardmaß einzuengen.

Wir perfektionieren unsere Grundtechniken (Kihon) bis zum Erbrechen. Und wir perfektionieren unsere Kata nach formalen Schrittmuster. Das hat aber mit „Wandlungsfähigkeit“ wenig zu tun.

 

Die Kata darf nicht verändert werden, im Kampf jedoch gilt das Gegenteil.     Regel Nr. 18

 

Man muss die Werkzeuge erst einmal schärfen und auch anwenden können; und zwar genau dann, wenn sie gebraucht werden.

Diese Wandlungsfähigkeit ist vorhanden. Wir werden sie aber nicht finden, wenn wir immer auf der Stelle treten.

Wenn wir unsere Kampfkunst im Kamae präsentieren, unabhängig davon was der Gegner macht und wer er ist, müssen wir mit einer schnellen Niederlage rechnen.

Wir greifen nicht an; das wissen wir jetzt. Der Gegner könnte im Nahkampf ein Meister sein. Er könnte ein Ringer oder ein Judoka sein. Wir wissen es nicht. Wir nehmen den Angriff an und versuchen uns auf den Gegner einzustellen. Denn wir erkennen ihn erst, wenn er im Angriff die Maske fallen lässt. Wir rennen nicht ins offene Messer.

Wandle dich abhängig vom Gegner“, ist eine wichtige Lehre, um eine Auseinandersetzung nicht zu verlieren.

Damit ist nicht der Wettkampf gemeint. Damit sind Überleben und Selbstverteidigung gemeint.

Diese Regel bedeutet aber nicht, dass man sich auf den Kampfstil des Gegners einlassen soll. Denn das wäre der größte Fehler, den man machen könnte.

Sie bedeutet, dass wir unsere Fähigkeiten so anpassen sollen, dass wir eine Chance haben die Auseinandersetzung nicht zu verlieren.

 

Ohne eine kreativ schnelle Reaktion, die dem Angriff, und dem Gegner, gerecht wird, haben wir kaum eine Chance einen Kampf „nicht zu verlieren“.

 

Die besten Techniken nützen nichts, wenn wir die dazugehörige Kreativität ignorieren.

 

  Später hat man eine natürliche Haltung“ … Regel Nr. 17

 

Verändere deine Verteidigung gegenüber dem Feind.

 

 

Regel Nr. 14

 

戦は虚実の操縦如何にあり.

Tatakai wa kyo-jitsu no soju ikan ni ari.

… Kampf, Krieg, Schlacht.

虚実  ... Sein und Schein; Wahr und falsch,

虚実の操縦如何  … Wie die Handhabung von wahr oder falsch.

 

a) Der Kampf hängt von der Handhabung des Treffens und des Nicht-Treffens ab.

b) Der Kampf hängt von der Handhabung deiner Treffsicherheit ab.

c) Der Kampf entspricht immer deiner Fähigkeit, mit Keyo (unbewacht) und Jitsu (bewacht) umzugehen

The outcome of a battle depends on how one handles emptiness and fullness (weakness and strength)

Der Ausgang eines Kampfes hängt davon ab, wie man Leere und Fülle handhabt.

 

Das klingt doch sehr nach  Yin und Yang.

Dieser Leitsatz wird sehr oft wettkampfmäßig missverstanden. Wer aber bis hier hin gelesen hat der weiß, dass nicht etwa die gesetzten Treffer und die eingesteckten Treffer gemeint sind. Das wäre zu einfach.

Wenn man es einfach erklärt, dann könnte man vom „Treffen“ und vom „Nicht getroffen werden“ sprechen. Aber davon ist hier bei weitem nicht dir Rede.

Ich denke, hier müssen wir versuchen, genauer in die Übersetzung zu gehen. Denn wenn man diese Zeichen untersucht, dann sind wir sehr weit von einer vernünftigen Übersetzung entfernt.

 

Was wir wissen ist, dass hier nicht die Rede von Treffen oder nicht Treffen ist. Man muss hier schon über den Wettkampf hinaus denken.

 

Sinngemäß könnte man damit leben:

 

Der Kampf ist davon abhängig, wie man mit aktiver Bewegung und passiver Ruhe umgeht.

Oder wie man mit Aktivität und Zurückhaltung umgeht.

Aber ich denke, dass man da noch etwas weiter denken muss.

 

Es ist wie Yin und Yang

https://de.wikipedia.org/wiki/Yin_und_Yang

 

Aber konzentrieren wir uns auf Kyo und Jitsu.

 

Ähnlich wie Prinzip von Yin und Yang beschreiben Kyo und Jitsu einen Zustand mangelnder oder schwacher Energie (Kyo, Yin), und einen Zustand von Überfülle (Jitsu, Yang). Man findet die Bezeichnungen jedoch überwiegend im medizinischen Bereich.

Quellen:

https://www.shiatsu-austria.at/index.php/what-is-shiatsu/kyo

http://www.kendo-guide.com/kyo-and-jitsu.html

Unter Kyu versteht man: Schwäche, Leere, Angst, Instabilität, unaufmerksam, Leer.

Jitsu bedeutet Fülle. Wir sind voller Energie (Ki). Wir konzentrieren uns. Es gibt keine Schwäche in unserem geistigen Kamae.

Das Ziel ist, den Geist von Kyo nach Jitsu zu bewegen.

Und das Jitsu des Gegners nach Kyo zu bewegen.

 

Es bedeutet auch Stärke und Schwäche oder Ausdauer und Ermüdung.

Davon hängt alles ab. Konzentration, Fitness, Fähigkeiten, geistige Stärke, geistige Überlegenheit und natürlich Training.

 

Diese Weisheit zählt nicht nur für den Zweikampf. Es ist ein Bestandteil der Kriegskunst.

Ein starkes Heer, kann gegen ein schwächeres Heer verlieren, wenn der General Fehler macht. Und genau so kann ein schwaches Heer ein starkes Heer schlagen, wenn der General ein schlauer Fuchs ist.

Wenn aber der gegnerische General genau so schlau ist, dann hängt alles von der Stärke und den Fähigkeiten der Heere ab.

 

Diese Weisheit zu analysieren war wirklich schwer. Und ich kann verstehen, wenn man sich täuscht.

 

Der Mensch ist sehr oft bereit, zu akzeptieren ohne zu prüfen. Und er ist nur selten bereit, das Akzeptierte aufzugeben.

 

Regel Nr. 15

 

Stelle dir deine Hand und deinen Fuß als Schwert vor.

 

人の手足を劔と思え.

 

Ich denke, die Hände und Füße des Menschen sind Tsurugi.

 

人の    Mensch (von) Person; Leute; andere; jemand; irgendeiner

手足を … Arme und Beine

劔と思え Denken Sie, dass Tsurugi

 

Think of the opponent's hands and feet as swords.

Stelle dir die Hände und Füße deines Gegners als Schwerter vor.

 

 

Auch hier ist es wichtig, dass man sich auf das Original konzentriert. Eine Übersetzung, die dem Original-Sinn entspricht, scheint schwerer zu sein, als man allgemein annimmt.

Einerseits ist von „Deine Hände und Füße“ die Rede; und andererseits von den Händen und Füßen des Gegners.

Im Original kann man aber nur „Hände und Füße des Menschen“ erkennen.

Das kann man nun so oder so sehen. Beides scheint sinnvoll und auch irgendwo so gemeint.

In China waren die Hände eher keine Schwerter, sondern Krallen und Klauen. Sie hatten ihre Tier-Stile. Sie waren Drachen, Tiger, Adler, Affen und vieles mehr.

 

Die Lehrer Funakoshis waren der Schwertkunst kundig.

Tatsächlich gab Azato seinem Schüler Funakoshi den Rat, er solle seine Hände und Füße als Schwerter sehen. So steht es jedenfalls in dem Buch „Katae-Do Mein Weg“.

Ich weise aber auch hier wieder auf diese Übersetzungsprobleme hin. Ich habe das Original nicht gesehen.

Es mag daher auch sein, dass er das übernommen hat und seinen Schülern weiter gab. Denn auch Funakoshi hatte Kendo-Meister als Schüler. So entstand auch der Kampfstil der ersten japanischen Karate-Kämpfer.

Die japanischen Kampfkunstmeister sahen viele Gemeinsamkeiten mit ihrem Kendo. Das beweisen die (Karate) Kumitebücher von Nakayama:

Nakayamas Karate perfekt 3 / Kampfübungen 1.

Mehrmals zitiert er den großen Samurai Miyamoto Musashi.

Und auch in dem Buch „Karate-do: Die Kunst, ohne Waffen zu siegen“ werden ständig Samurai-Weisheiten genannt.

Mir geht das entschieden zu weit. Denn wer die Geschichte der Samurai kennt der weiß, dass es alles andere als Weisheit war, das sie angetrieben hat.

Wir sollten uns daher auf das konzentrieren, was wir gelernt haben. Es mag sein, dass es gute allgemeine Kampftipps gibt, die man übernehmen kann. Aber ich denke, dazu braucht man keine andere Kampfkunst.

Man kann im Karate alles Notwendige lernen.

 

Es mag sein, dass das japanische Karate viel vom Judo, vom Kendo oder anderen relevanten Kampfkünsten, übernommen hat. Wir sollten unseren Weg aber im Karate suchen. Es ist alles vorhanden.

 

Aber nochmal zurück zu der Original-Regel.

人の    Mensch (von) Person; Leute; andere; jemand; irgendeiner

 

Im Karate so zu kämpfen, als hätte man Schwerter an Händen und Füßen mag so oder so, hilfreich sein.

Ich denke, die Hände und Füße des Menschen sind Tsurugi. (Schwerter)

 

人の    Mensch (von) Person; Leute; andere; jemand; irgendeiner

手足を … Arme und Beine

劔と思え … Denken Sie, dass Tsurugi

 

Es ist mir nicht so ganz klar, warum man in dieser Weisheit diesen bedeutenden Unterschied nicht erkannt hat. Denn es ist nicht egal, ob man sich seine Hände als Schwerter vorstellt, oder die Hände des Gegner, oder beides.

Wenn man mit dem Gedanken trainiert, dass die Hände und Füße des Trainingspartners Schwerter sind, hat man vielleicht ein besseres Gefühl für den Ernstfall. Diesen Unterschied in dieser Regel erkennt man aber erst, wenn man sich näher damit befasst.

 

 

Regel Nr. 16

 

 

男子門を出づれば百万の敵あり

Danshi mon wo izureba hyakuman no teki ari.

男子門を出 … Aus dem Tor der Männer

づれば  … Kind, wenn

百万の敵  … Millionen von Feind

 

 

a) Wenn man das Tor zur Jugend verlässt, hat man viele Gegner.

b) Wenn man den Ort verlässt, an dem du zu Hause bist, machst du dir zahlreiche Feinde.  Ein solches Verhalten bringt dir Ärger ein.

When you step beyond your own gate, you face a million enemies

Verlässt Du dein Haus, begegnen dir eine Million Feinde.

 

Ein altes japanisches Sprichwort sagt:

Man braucht bloß vor die Tür zu treten, so hat man sieben Feinde.

Quellen:

www.sprichworte-der-welt.de/sprichworte_aus_asien/japanische_sprichworte_2.html

www.gutzitiert.de/zitat_autor_sprichwort_thema_feindschaft_zitat_7715.html

 

Wenn man das Tor zur Jugend verlässt, hat man viele Gegner?

Nun ja; Altersweisheit ist nicht gottgegeben und alles andere als selbstverständlich. Weisheit hat nur in seltenen Fällen etwas mit dem Alter zu tun. Das Alter bietet nur die Zeit die man braucht, um Weisheit zu erlangen. Aber von alleine mäht sich mein Rasen nicht; auch nicht wenn ich Zeit habe. Ich muss dann schon den Rasenmäher selbst schieben.

Im Allgemeinen ist es aber so, dass man im Alter über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt, die der Jugend fehlt. Sie machen wie selbstverständlich genau die Fehler, vor denen „die Alten“ sie immer wieder warnen. Und das kann auch im Karate so sein.

Man kann sich gut vorstellen, dass im frühen „Karate-Japan“ die hitzköpfige Jugend, den „Alten Meister“ nicht verstand und ihn eher ablehnte. Aber das ist hier sicher nicht gemeint.

Vielleicht wird man im Alter nicht so richtig verstanden. Vielleicht hatte auch der Meister Kritiker, die ihn nicht verstanden.

Aber hier ist von Feinden, und nicht von Kritiker oder Gegner  die Rede.

Wenn Kinder das Tor der Männer verlassen?

Wenn die Jugend zum Mann wird, dann gibt es viele Feinde. Das kommt eher hin.

Altersweisheit und Lebenserfahrung sind oftmals gute Voraussetzungen für Ruhe und Gelassenheit.

Mit jugendlicher Hitzköpfigkeit, mit Angeberei, mit Unruhe und mit Gedankenlosigkeit kommt man von einer Schwierigkeit, in die andere.

·         Man schafft sich Feinde, weil man Feinde haben will.

·         Man schafft sich Konkurrenten, weil man sie besiegen will.

·         Man schafft sich Freunde, weil man Zuschauer braucht.

·         Man schafft sich einen Status, weil man angeben will.

 

Millionen Feinde.

Feinde macht man sich sehr oft selbst. Hexenwahn, Nazi-Wahn, Kommunisten-Wahn, Rassismus, Politische Gegner, Fußball-Gegner, usw.

Millionen Feinde, überall. Und die Presse sagt uns täglich, wer noch dazu gehört.

Dieses Zitat beschreibt einen Lebensbereich, der für viel Unheil verantwortlich ist. Wenn man Achtsam ist, erkennt man, dass das alles gar keine Feinde sind.

Karate ist nicht dazu da, um die selbstgemachten Feinde zu bekämpfen.

Das ist Philosophie. Sie schreiten durch das Tor. Sie sind jetzt erwachsen. Es sind – wie in diesem Zitat – keine Kinder Mehr, sondern Männer. Es sind junge Männer. Sie sind nicht erfahren sondern jung und naiv.

Dieses Zitat könnte in unsere Zeit fast besser passen, als in das alte Karate-Japan. Heute muss man aufpassen wo man hinschaut, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

„Was guckst Du so blöd?“ Und zack, schon knallt es. Diese Leute haben Millionen Feinde, überall. Und daran hat sich nie etwas geändert.

 

Aber ich denke, das geht eher in die folgende Richtung.

Denn: Verlässt Du dein Haus, begegnen dir eine Million Feinde.

 

Oder, um es mit meinen eigenen Worten zu sagen, aus meinem Buch  Das weise Blatt“:

163 „Selbstüberschätzung“ ist ein Begriff, den viele Menschen besser aus ihrem Sprachrepertoire streichen sollten, wenn sie ihn gegen andere verwenden. Zeigt es doch, dass man nicht mehr in die „Geistige Schublade“ passt, in die man einmal hineingestopft wurde.

634 Wenn andere Menschen dich in eine Schublade einsortieren; lass sie. Es ist nicht deine Schublade.

Man kann es noch weiter interpretieren:

Wenn man sein Haus verlässt.

·         Das bedeutet, wenn man seine eigene gewohnte Umgebung verlässt.

·         Wenn man etwas anderes macht als das, was andere von uns erwarten.

·         Wenn man nicht mehr in die Vorstellung der Leute passt, die uns kennen.

·         Wenn man in das Territorium anderer Menschen einen Fuß setzt.

 

Man hat tausend Feinde, wenn man etwas macht, was andere nicht erwarten.

·         Das neue Auto.

·         Das neue Haus.

·         Die neue Küche.

·         Neiddebatte

 

Wenn man nicht mehr in die Schublade passt, in die man uns einsortiert hat, dann haben andere Menschen oftmals ein Problem, das wir selbst nicht sehen.

Man hat sich tausendmal schneller Feinde geschaffen, als einen Freund.

 

Man kann es auch noch einfacher sehen. Wenn man sich absichtlich zur falschen Zeit an falsche Orte begibt, findet man oftmals viele Feinde

 

Regel Nr. 17

 

Die Haltung des Anfängers muss frei sein von eigenen Urteilen, damit er später ein natürliches Verständnis gewinnt.

 

構えは初心者に、あとは自然体.

 

Die Haltung des Anfängers“ ist richtig. Aber der Rest ist mir unverständlich. Ich weiß nicht, wo die Übersetzer das her haben.

構えは Struktur

初心者   Anfänger

に、  Um , Zu, Ziel

あとは  außerdem, nach.

自然体. Natürliche Körperhaltung. (Shizentai)

 

Also ich lese hier drei Teile heraus.

 

1.       Haltung des Anfängers. Grundlagen halten  構えは初心

2.      Um danach zum Ziel.                                               あとは 

3.      Natürliche Haltung.                                                 自然体.

 

Dazwischen liegt eine Verbindung, die meinen Recherchen nach bedeuten soll, dass der Anfänger seinen Kamae in eine Natürliche Haltung wandeln muss. Sinngemäß übersetzt könnte man sagen:

Die Kamae des Anfängers muss das Ziel haben, eine natürliche Haltung zu bekommen. Oder: Der Weg von den Grundlagen zu einer natürlichen Haltung.

Aber irreführend ist im oben übersetzten Teil die Bezeichnung:

Frei von Urteilen“. Und: Ein natürliches Verständnis.

Das ist nicht nur irreführend, das ist sogar extrem falsch. Das sagt nämlich aus, dass der Anfänger sich kein eigenes Urteil erlauben darf, und dass er sich immer irrt; egal was er denkt. Schlichtweg: Der Anfänger hat grundsätzlich keine Ahnung und er hat kein natürliches Verständnis. Davon ist aber im Original nicht die Rede.

 

Diese Übersetzung ist leider vollkommen falsch. Aber man muss auch bedenken, dass in den Jahren vor dem Internet, die Verbreitung und die Information von tieferem Karate-Wissen extrem schwer war.

 

Kamae wa shoshinsha ni ato wa shizentai.

a) Die Haltung des Anfängers muss frei sein von eigenen Urteilen, damit er später ein natürliches Verständnis gewinnt.

b) Das Einnehmen einer Haltung gibt es beim Einsteiger, später gibt es den natürlichen Zustand.

c) Anfänger müssen alle Haltungen ohne eigenes Urteil annehmen, um dann einen natürlichen Zustand des Verstehens zu erreichen.

Formal stances are for beginners; later one stands naturally

Kamae (ready stance) is for beginners; later on stance in shizentai. (natural stance)

Die Kampfstellung (Kamae) ist für den Anfänger wichtig; später wird die Stellung dann ganz natürlich. (Shizentai)

 

Es geht tatsächlich um Kamae. Aber das ist etwas schwierig zu beschreiben.

 

Erfahrene Sensei wissen, wie unerbittliche und unkontrolliert gerade Anfänger im Randori rein gehen. Sie tun es aus Angst, aus anfänglichem Übereifer und aus falschem Ehrgeiz.

Und das tun sie meist unkontrolliert und ungeschickt. Und sie gefährden sich selbst damit.

Ein erfahrener Karateka versucht sich nun etwas zurückzuhalten, weil er niemanden verletzen will, und bekommt dann aber unkontrollierte und eigengefährdende Angriffe entgegengesetzt.

 

Diese Interpretation kommt dem original wesentlich näher.

·         Der Anfänger muss erst lernen sich selbst zu kontrollieren.

·         Er muss die Grundlagen üben und verinnerlichen.

·         Er muss lernen den Gegner einzuschätzen.

·         Er muss die Gefahren kennen lernen, in die er sich ungestüm hinein wirft.

·         Er muss den Weg von den Grundlagen zu einer natürlichen Haltung finden.

·         Er muss erst Kihon-Waza lernen, um dann Jiyu-Waza trainieren zu können.

 

Die Kunst des Geistes, kommt vor der Kunst der Technik. Die „natürliche Haltung ist ein Teil davon.

 

Und wieder einmal haben wir bemerkt, dass es sehr leicht ist einem Übersetzten Zitat zu folgen, das irgendwann von irgendeinem Autor übersetzt wurde, und eventuell somit aus dem wahren Zusammenhang gerissen wurde.

Das beste Buch vom Meister nützt nichts, wenn es falsch übersetzt wurde. Das erkennt man schon an dem Buch: Karate-Do Kyohan. Die Bilder der neueren übersetzten Ausgaben sind nicht mehr vom Meister selbst dargestellt. Somit sind bildlich dargestellte Techniken willkürlich geändert und zeitgemäß angepasst worden.

Daher lohnt sich immer ein Vergleich mit dem Original.

 

Diese Regel ist ebenfalls sinngemäß geändert worden. Ein paar andere Worte, reißen es vollkommen aus dem wahren Zusammenhang.

 

Auch wenn man den Wahren Hintergrund irgendwie aus der deutsch verbreitenden Übersetzung noch herauslesen kann, so ist die Irreführung doch führend.

 

Ich erkenne hier die Aufforderung, dass der Schüler erst die Grundlagen meistern muss, bis er soweit ist, einen Schritt weiter zu gehen um eine natürliche Kamae-Haltung beherrschen zu können.

 

Von „urteilen“ keine Rede.

 

Jetzt wird es aber schwierig.

In der Regel Nr. 5Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik“ habe ich folgendes beschrieben:

Wenn ein „Kung Fu Mann“ dem Gegner den „Affen-Stil“ präsentiert, hat er schon verloren. Er darf den Stil nicht dem Gegner präsentieren; er muss ihn nur für sich selbst verinnerlichen.

 

Und dann noch dieses Zitat:

Die Kamae ist formlos und die Abwehr ist formlos. Man muss sich immer im Zustand der Bereitschaft befinden und sich aus jeder Position, gleich was man gerade tut, verteidigen können. In einem echten Kampf ein Kamae einzunehmen, bedeutet die sichere Niederlage. Die angewendeten Techniken müssen spontan und natürlich sein und nicht vorher überlegt.

KANESHIMA SHINSUKE

Quelle: http://www.kusunoki.de/meister/kaneshima_shinsuke.html

 

Und genau das wird auch in dem Buch „Karate-do: Die Kunst, ohne Waffen zu siegen“ beschrieben. Dort wird ebenfalls beschrieben, dass die beste Kampfstellung nichts nützt, wenn der Geist schläft. Darüber hinaus geht es auch darum, dass es im Karate keine Kampfstellung gibt.

 

In der „geistigen Kampfstellung“ versetzt man den Körper in Alarmbereitschaft. Man präsentiert das aber nicht, wie ein getuntes Auto. Man zeigt niemanden, was das Auto kann. Es ist aber bereit, sofort alle Register zu ziehen. 

 

Das ist damit gemeint, wenn von einer „natürlichen Haltung“ die Rede ist.

 

Regel Nr. 18

 

Die Kata darf nicht verändert werden, im Kampf jedoch gilt das Gegenteil.

 

型は正しく、実戦は別もの.

 

Also das kann man so stehen lassen.

1.      Form                                          型は

2.      Wirklich                                     正しく、

3.      Kampfhandlung                         実戦は

4.      Ausnahme                                  別もの.

 

Man kann das also so verstehen, wie es übersetzt wurde. Wobei hier von „Form“ gesprochen wird.

 

Wir haben hier eine Regel, gegen die so oft verstoßen wurde, dass man es schon gar nicht mehr zählen kann.

 

·         Techniken wurden verändert.

·         Die Ausführung und die Wege der Techniken wurden verändert.

·         Techniken wurden ersetzt oder weggelassen.

·         Die Kata wurden entschärft.

·         Die Kata wurden verändert.

 

Und alles willkürlich und nach eigenem Ermessen. Der Meister war da nicht anders. Er hat selbst Formen verändert. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Diese Weisheit sagt aus, dass wir die Formen lassen sollen wie sie sind, dass wir aber im Kampf flexibel damit umgehen müssen.

Und da es auch Kampfübungen gibt, muss man eben auch da flexibel damit umgehen.

Und auch im Bunkai muss man flexibel und vielseitig damit umgehen.

Aber die Form selbst braucht einen Standard.

 

Da die heutigen Veränderungen aber dem Umfang des ursprünglich flexiblen Umgangs der damaligen Standards entsprachen, kann man das auch heute noch, in entgegengesetzter Richtung, wieder finden.

 

Das heißt, es ist nichts verloren; trotz Veränderungen. Man sollte nur aufhören ständig Techniken und Formen zu verändern, nur weil man es besser weiß.

Man kann von jeder ursprünglichen festgelegten Form aus, in den Kampfübungen umfangreich ändern und flexibel trainieren.

 

Das Werkzeug muss aber hinterher gereinigt und in seinen ursprünglichen Zustand zurück versetzt und dort abgelegt werden, von wo man es geholt hat. (Aufräumen eben) Beim Arbeiten sieht die Werkstatt immer etwas anders aus.

 

Man kann anpassen, man kann verändern, man kann kreativ sein wie man will; nur, man muss hinterher immer wieder aufräumen.

 

Die Kata darf nicht verändert werden, im Kampf jedoch gilt das Gegenteil.

 

 

Regel Nr. 19

 

Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell, alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.

 

力の強弱、体の伸縮、技の緩急を忘るな.

 

Die Macht der Festigkeit, Expansion und Kontraktion des Körpers, das Tempo.

In dem Buch „Karate-Do Kyohan“ ist in dem Kapitel „KATA“ von „drei Punkten“ die Rede. 

(TREE CARDINAL POINTS)    Englische Ausgabe

 

Ich gebe einmal sinngemäß wieder, was da steht.

 

DREI PUNKTE

Drei Punkte sollte man beim Karatetraining immer beachten:

1.       Leichter und starker Krafteinsatz.

2.       Entspannung und Spannung des Körpers.

3.       Schnelle und langsame Bewegungen..

Beim Kata-Training sollte man:

·         Starke Techniken zeigen, wo sie gefragt sind.

·         Schnelle Bewegungen, wenn sie notwendig sind.

·         Geschwindigkeit verringern, wenn es angebracht ist.

Um in einer Kata wirklich den richtigen Krafteinsatz, Entspannung und Spannung des Körpers, schnelle und langsame Ausführung der Techniken zu meistern, ist es nötig, dass man die einzelnen Besonderheiten der Kata, und die Bedeutung der jeder Technik, verstanden hat. Erst wenn man die Bedeutung dieser drei Punkte tief verinnerlicht hat, kann man Kata korrekt auszuführen.

and the meaning of each technique in it

 

Die Technik hat also eine Bedeutung. Bei uns hat die Technik nur ein Bunkai. Aber das nur so am Rande.

 

Nun taucht da aber am Ende noch ein Zeichen auf, das ich mir bis hier aufgehoben habe.

 

忘る  vergessen; vergessen lassen; aus dem Gedächtnis streichen.

 

Jetzt könnte man sich schwer damit tun, wenn man dieses Zeichen nicht einordnen kann. Aber so schwer ist es gar nicht. In dem erwähnten Buch des Meisters ist vom Training die Rede.

Im Kampf aber gilt das Gegenteil. Das bedeutet, dass man im Training bewusst trainieren muss.

Im Kampf aber muss man alles wieder vergessen. Da muss man aus dem Unterbewusstsein heraus reagieren können.

Je mehr man also das oben genannte BEWUSST trainiert hat, umso besser ist es in Ernstfall UNBEWUSST einsetzbar.

 Es mag sein, dass das eines der schwierigsten Zitate ist, da es sich um wichtige Trainingspunkte handelt. Und man kann auch hier nicht alles im Detail behandeln. Ich denke aber, dass jeder Karateka während seines Trainings mit den oben genannten Punkten konfrontiert wird.

Der Meister erwähnt hier ein Karate, das man durch aus mit „Hau-Ruck-Karate bezeichnen könnte. Viel Geschrei.  Viel Kime. Viel Ippon. Aber das war nicht die Karate-Welt des Meisters. Er hatte auf Okinawa andere Prioritäten gesetzt bekommen.

Und das muss man beachten, wenn man den Versuch macht ihn zu verstehen. Noch schwerer ist es, wenn man kaum japanisch kann.

Wichtig hier zu verstehen ist, dass man die Vielseitigkeit des Karate bewusst trainieren muss, um es unbewusst zu beherrschen.

 

 

Regel Nr. 20

 

Denke immer nach, und versuche dich ständig an Neuem.

 

常に思念工夫せよ.

 

常に   Immer

思念   Denken

工夫   Überlegen über das beste Mittel; Planung; Maßnahme; Idee

せよ.   auch wenn  ... obwohl 

 

Das kann man so stehen lassen.

 

Tsune ni shinen kufu seyo.

a) Denke immer nach, und versuche dich ständig an Neuem.

b) Erinnere dich und denke immer an Kufu (die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf einen Sinnesreiz zu begrenzen) lebe die Vorschriften jeden Tag.

Be constantly mindful, diligent, and resourceful in your pursuit of the Way.

Sei stets aufmerksam, gewissenhaft und erfinderisch auf deinem Weg.

 

 

Diese Weisheit würde ich als Beweismittel Nr. 20 vorlegen. Sie widerspricht dem Karate, das man in unseren Regionen vielerorts lebt.

 

Unsere Weisheit lautet anders. Sie würde eher besagen, dass man sich erst an Neuem versucht, wenn man die Grundschule 100% dauerhaft beherrscht.

 

Das letzte Zeichen (せよ) enthebt uns aber von diesem selbsternannten Zwang. Wer sich nicht an Neuem versucht, wird ein erstklassiger Suppenkoch werden. Aber er ist nicht imstande ein Schnitzel in die Pfanne zu hauen.

Und irgendwann kommt ein Sternekoch, der sogar noch an der Suppe etwas zu meckern hat und bringt ihn wieder an die Anfänge zurück.

Wer sich nicht an Neuem versucht, wird ewig nur ein Kindergartenprofi sein. Und selbst da, findet man eben immer was.

 

Es gibt keine 100% dauerhaft. Wer das versucht, muss sehr viel Zeit für die Perfektionierung der Suppe opfern. Aber das Wesentliche bleibt auf der Strecke.

 

Hier wird deutlich gesagt, dass man seine Fühler ausstrecken soll und dass man auch über den Tellerrand schauen soll. Man soll aber erst mal sehen, was alles auf dem eigenen Teller liegt. Denn Karate bietet weitaus mehr, als uns manchmal bewusst ist.

Wobei das Neue, nicht unbedingt Neu sein muss. Neu ist immer das, was wir nicht kennen und noch nicht versucht haben. Das hat nichts damit zu tun, dass es vor 100 Jahren schon gemacht wurde.

Wenn wir es nicht kennen und noch nicht probiert haben, ist es für uns neu; und wenn es 1000 Jahre alt ist.

 

Das heißt nicht, dass man jetzt sofort mit dem Schwierigen beginnen kann. Oh nein. Dagegen spricht Weisheit Nr. 19

Man kann aber oftmals „Das Alte“ verbessern, wenn man es in etwas Neuen findet.

 

Manchmal muss man einfach beim Ski fahren hin klatschen, dass man es lernt. Man muss sich manchmal an etwas Neuem versuchen. Es hat noch keiner Ski fahren gelernt, der noch nie auf die Schnauze gefallen ist.

 

Man kann das Alte immer verbessern. Und man soll immer am Alten arbeiten. Man muss aber auch Neues entdecken dürfen. Denn manchmal findet man gerade dort etwas, was uns weiter bringt.

 

Wer bremst verliert. So einfach ist das.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rüdiger Janson

www-janson-ruediger.de

Autor von „Eden 2610“